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Leitartikel: Landschaft der Verwüstung

Der Gewaltexzess von Winnenden entzieht sich schneller Erklärung. Gegen eine Tat wie diese gibt es keinen verlässlichen Schutz. Lernen kann man nur den Umgang mit den Folgen. Von Harry Nutt

Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Der Schrecken kommt zweimal. War man schon geneigt, die Nachricht über das Tötungsdrama im amerikanischen Geneva County im US-Bundesstaat Alabama beiläufig als dramatisches Geschehen aus entfernter Welt zu verbuchen, so erschüttert die Gewalttat aus dem baden-württembergischen Winnenden durch ihre räumliche Nähe sowie durch das unvorstellbare Ausmaß der Raserei.

Nach Erfurt und Emsdetten ist es nun also eine schwäbische Kleinstadt bei Stuttgart, die man auf der Landkarte sogenannter motivationsloser Gewaltverbrechen eintragen muss. Schulische Gewaltkatastrophen, für die wir beinahe schon selbstverständlich das Wort Amok parat haben, gehören zur gegenwärtigen Phänomenologie der bundesrepublikanischen Provinz.

Die Verlaufsmuster ähneln einander. Am fortgeschrittenen Morgen verschafft sich ein ehemaliger Schüler Zugang zu den ihm vertrauten Räumen seiner früheren Realschule und exekutiert wahllos, wer ihm vor den Lauf kommt. Die Wahl der Waffen passt ins Schema vergleichbarer Gewaltexzesse. Der Zugang zum Mordwerkzeug scheint für den 17-Jährigen nicht allzu schwer gewesen zu sein. Laut Polizeiangaben besaß der Vater des Jungen 16 Schusswaffen. Als man nachsah, fehlte eine.

Die äußere Erscheinung fügt sich ebenfalls ins Bild. Schwarze Maskierung, dunkler Kampfanzug - seit dem fast schon legendären Schulattentat an der Columbine High School im amerikanischen Littleton ist ein Dresscode im Umlauf, der auf Nachahmungstäter zweifellos große Anziehungskraft ausübt. In den nächsten Tagen werden Polizei und Medien die Öffentlichkeit mit Einzelheiten zu Tat und Täter versorgen, die ein grob gerastertes Psychogramm des, wie es heißt, "völlig unauffälligen" ehemaligen Schülers ergeben. Auf die Hilf- und Fassungslosigkeit nach den Augenblicken des schrecklichen Geschehens folgen Erklärungsversuche und Bewältigungsvorschläge.

Die Gesellschaft und ihre Vertreter können nicht anders, als sich zum Unerklärlichen in Beziehung zu setzen. Sie befinden sich in dem Dilemma, für die Maßlosigkeit des Geschehenen angemessene Beschreibungen finden zu müssen. Politisch wird eine kontroverse Diskussion über die Beschränkung des Zugangs zu Waffen erfolgen, und falls sich Spuren zu Medien- und Internetnutzung des Tim K. ergeben, schließt sich unweigerlich die Frage nach Gewaltkommunikation in und über elektronische Medien an. Angesichts der Unfähigkeit zu einer nachträglichen Beherrschung des Schreckens erscheint es den Beteiligten umso dringlicher, in ein Nachdenken darüber zu investieren, was künftig zu tun ist.

Für den Moment besteht genau darin das Problem. Gegen monströse Gewaltdurchbrüche wie der in und um Winnenden gibt es keine verlässliche Prävention, wie stereotyp auch immer sich der Tatverlauf und dessen Planung abgespielt haben mögen. Alle Erklärungen sind nachträgliche Rekonstruktionen.

Für den Berliner Literaturwissenschaftler und Amokexperten Joseph Vogl ist es geradezu ein Wesenszug des Amoklaufs, dass er aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Der sich abrupt aus allen sozialen Beziehungen lösende Desperado erschüttert in selbstmörderischer Raserei die befriedeten Zonen seiner Umgebung: Schulen, Universitäten oder die familiäre Idylle. "Überall suchen die treffsichere Genauigkeit und die hohe Beliebigkeit der Gewalt des Amokläufers genau diese Räume, aus denen die Theatralik seiner Gewalt eine Landschaft der Verwüstung herstellt", schreibt Vogl. Amok ereignet sich in einer Art heiligem Zorn, der niemanden außen vor lässt. Alle sind schuld am Elend des Täters, deshalb werden auch alle zum potenziellen Ziel seiner Rache.

Es dürfte in den nächsten Wochen kaum ein Tag vergehen, an dem nicht neue Bilder und Nachrichten aus Winnenden gesendet werden. Man will und kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, weil am Ort des Geschehens für längere Zeit keine Ordnung Bestand haben wird. Nach allem, was man über vergleichbare Taten und Täter weiß, gibt es keinen verlässlichen Schutz vor ihnen. Was man aber lernen kann, ist ein besonnener Umgang mit den Folgen. Nach Erfurt, Emsdetten und anderswo gibt es Erfahrungen mit den physischen und psychischen Verheerungen jugendlicher Massaker. Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass Winnenden davon profitiert, was andernorts auf schonungslose Weise Einzug gehalten hat.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  12 | 3 | 2009
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