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10. August 2012

Leitartikel: Londons Vermächtnis

 Von Jörg Winterfeldt
Eröffnungszeremonie in London.  Foto: Getty Images

Über das Königreich kam Olympia wie ein Segen zur rechten Zeit. Es hat dabei geholfen, eine von starker Einwanderung geprägte Nation an die gemeinsame Identität zu erinnern.

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Eine Woche lang hat Usain Bolt in London laut darüber nachgedacht, wie er dank Olympia zur Legende werden könne. Seit der jamaikanische Sprinter es als erster geschafft hat, Olympiasiege über 100 und 200 Meter zu wiederholen, wähnt er sich am Ziel. Bolt ist 25 Jahre alt. Aus seiner Perspektive mag das einleuchten. Für viele würde ein positiver Dopingtest genügen, um seine Träumerei zu beenden.

Fragen nach dem Vermächtnis des Sportfestes der Weltjugend gehören zum Wesen Olympias. London 2012 aber lehrt die Bosse des Internationalen Olympischen Komitees neuen Realismus. In einer unter Touristen populären demokratischen Weltmetropole kann Olympia nicht den übergreifenden Einfluss entwickeln, wie ihn die Funktionäre gerne sähen. Gelang es den Spielen in Barcelona 1992, die Stadt und ihren Ruf dank der Beseitigung von Industriebrachen nachhaltig zu beeinflussen, so fügte sich Olympia in London in eine pulsierende Stadt ein. Gelegentlich verloren sich die Spiele auch darin.

Jörg Winterfeldt
Jörg Winterfeldt

Verschüttete olympische Seele freigelegt

Sie werden in Erinnerung bleiben für eine gelungene Stadtteilsanierung, die den architektonisch ohnehin beachtlichen Reiz der britischen Hauptstadt nur erweitert hat. Sie hinterlassen ein Vermächtnis gewachsener Sportaktivität, weil die Briten erhebliche Fördermittel zur Steigerung ihrer Medaillenausbeute aufgewendet haben. Und die Spiele werden noch mehr in Erinnerung bleiben für die Wiederbelebung des olympischen Sportsgeistes. Nach dem staatsverordneten Jubel von Peking 2008 haben die Briten Olympias verschüttete Seele wieder freigelegt: mit Gefühlen, Natürlichkeit, Humor. Sie haben die Erwartungen mehr als bestätigt, als sportbegeistertes Volk einen Enthusiasmus an den Tag zu legen, der Sport zum sozialen Erlebnis bis an die Grenze der Euphorie zu erheben vermag. Über London und das Königreich kam Olympia wie ein Segen zur rechten Zeit. Ein Jahr zuvor noch assoziierte man zu der Stadt Bilder von Krawallen einer desillusionierten Jugend, die ganze Stadtteile von London in Schutt und Asche legte. Nun schwärmen die Briten, wie sehr die heimischen Medaillengewinner unterschiedlichster sozialer und ethnischer Herkunft bewiesen, dass die Beschreibung einer gespaltenen Gesellschaft ein Irrtum gewesen sein muss.

Olympia hat geholfen, eine von starker Einwanderung aus dem Erbe des Commonwealth geprägte Nation an die gemeinsame Identität zu erinnern. Und weil all das vor den Augen der Weltöffentlichkeit passiert ist, könnte das ehrgeizige Anliegen sogar gelingen, in Zukunft trotz stickiger, antiker U-Bahnen oder manchem überflüssigen Schlangestehen das Hauptziel der Spiele zu erreichen: sie in einen Katalysator der in der Rezession verharrenden Inselwirtschaft zu verwandeln. Womöglich hat London mit Erfolg zwei Wochen lang seine Attraktivität als Wirtschaftsplatz zur Schau gestellt, um Investitionen ins Land zu locken. Neben der Ausrichtung der Sportler auf ihre Rekordjagd, hat das IOC aber dafür gesorgt, dass Olympias Ziele gar nicht hoch genug sein können.

Lehre für Deutschland

Unter Präsident Juan Antonio Samaranch galt ab 1980 Kommerzialisierung als Erfolgskonzept. Immer mehr (Profi)-Sportler, immer mehr Rekorde und Einschaltquoten, immer höhere Umsätze, immer mehr und größere Bewerberstädte. Weil die Olympier die Schattenseiten wie Korruption und Doping in Kauf nahmen im Rausch vom Schneller, Höher, Weiter, verloren die Spiele ihren Idealismus. Dem Diktat der Geldgeber folgend, durfte Atlanta als Sitz eines Brauseherstellers Olympia 1996 ausrichten und 2008 gingen die Spiele an ein Menschenrechte missachtendes Regime.

Trachtete Samaranch trotz zweier Boykottspiele in Moskau 1980 und Los Angeles 1984 nach dem Friedensnobelpreis, gestanden seine Erben um Nachfolger Jacques Rogge nötige Bescheidenheit ein. Wie wenig der in der Antike geachtete olympische Waffenstillstand in der Moderne gilt, haben die Russen und Georgier vor vier Jahren bewiesen, als sie, flankiert vom medialen Schutz der olympischen Eröffnungsfeier, Krieg um Südossetien führten. In den vergangenen 14 Tagen eskalierte die Lage in Syrien. Aus Rücksicht auf die vom Ölreichtum geheiligten arabischen Interessen verzichtete das IOC in London auf ein angemessenes öffentliches Gedenken der israelischen Opfer von 1972, als palästinensische Terroristen in München das Olympische Dorf überfielen.

Weil das Vermächtnis Olympias selten übergreifend wirkt, ergibt sich für Deutschland aus den Londoner Spielen eine Lehre: Olympia entwickelt ein nachhaltiges Erbe der zunehmenden Sportlichkeit von Kindern, der nationalen Identitätsstiftung, des Wirtschaftsschubs mit etwas Glück allenfalls im Ausrichterland. Ohne eine deutsche Bewerbung um Sommerspiele bleibt den Deutschen nur die Rolle des beeindruckten Betrachters.

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