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Leitartikel: Luxus Wasser

Wasser ist ein öffentliches Gut und gehört deshalb in die öffentliche Verantwortung - und nicht in die Hände von Konzernen, die vor allem ihre Gewinne maximieren wollen.

Tobias Schwab ist FR-Wirtschaftsredakteur.
Tobias Schwab ist FR-Wirtschaftsredakteur.
Foto: FR

Heute früh nach heißer Fußballnacht schon ausgiebig geduscht? Das Grün im Garten gesprengt? Einen Kaffee aufgesetzt? Und zwei Flaschen Mineralwasser für den Tag im schwülen Büro eingepackt?

Ohne Wasser geht's nicht. Es ist Lebensmittel Nummer eins. Und wir genießen - und verschwenden - es in vollen Zügen. Hierzulande verbraucht statistisch jeder 126 Liter am Tag. Zugegeben, damit liegen wir im internationalen Vergleich im Mittelfeld. US-Amerikaner und Japaner genehmigen sich im Schnitt nämlich bis zu 300 Liter täglich.

Dabei ist sauberes Trinkwasser global gesehen ein Luxus, den viele entbehren. Während wir 44 Liter täglich in die Toilette spülen und nur rund drei Liter zum Trinken und Kochen verbrauchen, haben mehr als 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Sie müssen Brühe aus schmutzigen Tümpeln oder Flüssen schöpfen.

Alle 15 Sekunden stirbt laut Unicef ein Kind wegen Wassermangels oder fehlender sanitärer Einrichtungen. Denn rund 2,6 Milliarden Erdenbürger leben ohne oder mit zu wenigen Toiletten - das sind 40 Prozent der Weltbevölkerung.

Ja, Wasser ist Luxus, aber einer, auf den alle Anspruch haben. Der Zugang zu sauberem Wasser ist Menschenrecht - so steht es im Pakt für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte der Vereinten Nationen. Und das UN-Entwicklungsprogramm UNDP fordert sehr konkret die Anerkennung eines Grundrechts auf 20 Liter sauberes Wasser pro Person und Tag - kostenlos für die Ärmsten. In den Millenniumszielen haben sich die UN vor acht Jahren immerhin verpflichtet, bis 2015 den Anteil der Menschen zu halbieren, die kein sauberes Trinkwasser haben. Doch selbst davon sind wir weit entfernt. Um den Durst der Menschheit nachhaltig zu stillen, braucht es klare Einsichten und konsequente Strategien.

Erkenntnis Nummer eins: Wassermangel ist in erster Linie ein politisches Problem. Korruption - in Behörden und Unternehmen - ist nach Einschätzung von Transparency International eine der Hauptursachen der globalen Wasserkrise, die Milliarden Menschenleben bedroht. Hinzu kommen Missmanagement, Trägheit der Behörden, fehlende Institutionen und mangelnde Investitionen in Infrastruktur. In den Metropolen der Entwicklungsländer gehen 30 bis 40 Prozent des Wassers auf dem Weg durch marode Leitungen verloren. Wenn es denn welche gibt. Megastädte wachsen so rasant, dass die Infrastruktur kaum Schritt halten kann.

Erkenntnis Nummer zwei: Die Privatisierung der Trinkwasserversorgung, wie sie seit Anfang der 90er Jahre von der Weltbank propagiert wird, hilft nicht weiter auf dem Weg zu einer gerechteren und zukunftsweisenden Verteilung von Wasser. Zahlreiche Städte auf dem Globus haben da ihre Erfahrungen gemacht. Beispiel Manila: Die philippinische Hauptstadt verkaufte ihr marodes Versorgungssystem aus Geldmangel an zwei private Investoren. Doch alle Erwartungen wurden enttäuscht: Der Preis fürs Trinkwasser vervierfachte sich innerhalb weniger Jahre, Wasserqualität und Infrastruktur aber verbesserten sich nicht.

Bogotá in Kolumbien und São Paulo in Brasilien haben gezeigt, wie es anders laufen kann. Beide Kommunen widersetzten sich Ende der 90er Jahre erfolgreich der Weltbank-Forderung nach einer Privatisierung des kommunalen Wassersystems - und erreichten, dass das Institut die Reform der städtischen Versorgungsunternehmen mit Krediten finanzierte. Heute gelten beide Metropolen in Südamerika in der Wasserversorgung als Vorbilder - und als leuchtende Beispiele für den erfolgreichen Kampf gegen eine Privatisierung der Ware Wasser, die Verbraucher auch in Großbritannien und Deutschland schon teuer bezahlt haben.

Erkenntnis Nummer drei: Wasser ist ein öffentliches Gut und gehört deshalb in die öffentliche Verantwortung - und nicht in die Hände von Konzernen, die vor allem Gewinn aus dem kostbaren Nass ziehen wollen und Investitionen meiden, die sich nicht rechnen.

Alle Einsicht aber wird den Durst nicht stillen, wenn die Menschheit nicht begreift, dass sie mit Wasser noch verantwortungsvoller umgehen muss - im privaten Haushalt, in der Industrie und in der Landwirtschaft. Ein verschwenderischer Umgang mit dem Lebensmittel Nummer eins wird sich sonst bald rächen - auch in vermeintlich wasserreichen Regionen.

Autor:  TOBIAS SCHWAB
Datum:  26 | 6 | 2008
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