Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel" Die Kirche weiß um die Verführbarkeit von Menschen. Sie weiß um die Schwächen und Verfehlungen der Menschen; auf diesem Wissen ruht ein nicht geringer Teil ihrer Heilslehre. Doch all dieses Wissen bewahrt sie nicht davor, selber der Versuchung zu erliegen. Kirchengeschichte ist immer auch Kriminalgeschichte. Die jüngsten Missbrauchsfälle in jesuitischen Schulen scheinen das zu bestätigen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Fall öffentlich wird, in dem katholische Männer sich an Kindern oder Jugendlichen sexuell vergangen haben; es melden sich immer mehr Opfer, zum Teil nach jahrzehntelangem Schweigen, nach einer für uns behütet Aufgewachsenen nur schwer vorstellbaren Zeit des Leidens.
Vor diesem Hintergrund liegt es mehr als nahe, nicht von bedauerlichen Einzelfällen, sondern von systematischem Missbrauch zu sprechen. Nahe liegt insofern auch die Frage, ob der Missbrauch nicht vor allem als eine Folge der in der römisch-katholischen Kirche vorherrschenden, zumal repressiven Sexualmoral anzusehen ist: Sie mag auf die Leibfeindlichkeit in den antiken Anfängen zurückgehen und sich über den Zölibat bis zu den gegenwärtigen, mitunter erratisch anmutenden Lehrmeinungen fortsetzen, was zum Beispiel die Themen Homosexualität oder Schwangerschaftsverhütung angeht. Die Frage lautet also, ob sich, was seit jeher unterdrückt wird, nicht in der Pädophilie jesuitischer Priester von heute nur wieder ein Ventil geschaffen hat.
Zur Beantwortung dieser entscheidenden Frage sollten wir festhalten, dass Pädophilie und Päderastie auch dort in beträchtlichem Maße verbreitet sind, wo die Kirche weit weg ist: in Familie, Schule, Sportverein Vollkommen legal verdienen Reisebüros und Fluggesellschaften an Sextouristen, die ihrer pädophilen Neigung in Thailand nachgehen. Wir haben es insofern nicht mit einem "katholischen" Thema zu tun. Das zu behaupten, würde von einem Problem ablenken, das nicht allein ein konfessionelles, sondern ein allgemein gesellschaftliches ist. Und genau das könnte uns ein Anlass sein, nach dem repressiven Charakter unserer ach so sexuell befreiten Gesellschaft zu fragen.
Nein, das spezifisch kirchliche oder im vorliegenden Fall katholische Problem liegt woanders: Es ist ein kirchenhistorisches und -politisches, in Teilen auch theologisches. Jedem steht es frei, sich als Priester für ein Leben in Enthaltsamkeit zu entscheiden. Mit der Institutionalisierung des Zölibats geht allerdings ein Zwang einher, es wird allgemein geregelt, was doch zu den existenziellsten Erfahrungen eines Menschen gehört. Das führt unvermeidlich zu Konflikten. Auch fördert der institutionalisierte Zwang das Verheimlichen und Vertuschen. In diesem Zusammenhang haben wir es mit einem Milieu zu tun, das labile, sexuell unreife Persönlichkeiten anlocken kann. Kommt hier die katholische Kirche ihrer Verantwortung nach?
Das Verhältnis zu Schutzbefohlenen, das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern stellt sich immer auch als ein Machtverhältnis dar. Diesen Umstand zu leugnen und ihn möglicherweise im Namen der Caritas mit einer unbedingten, allbarmherzigen Gottesliebe zu übertünchen, wäre grob fahrlässig. Aber werden Priester in ihrer Lehrerausbildung auf die mit ihrem Amt und ihrer Kirche verbundenen Machtverhältnisse vorbereitet? Theologisch hilfreich wäre hierbei, wenn sie sich nicht allein als Vertreter und Verkünder des Gottesworts (representatio Christi), sondern eben auch als Mitglied einer weltlichen Institution (representatio Ecclesiae) verstehen könnten. Diese Erweiterung dürfte sich übrigens auf das Zweite Vatikanische Konzil berufen.
Ihrem Selbstverständnis nach kommt der römisch-katholischen Kirche infolge der Säkularisierung vor allem die Aufgabe als moralische Instanz zu. Das ist ihr, der einstmaligen, auch weltlichen Großmacht noch geblieben. Darin besteht ihre ganze Stärke - und Schwäche. Verliert sie ihre Glaubwürdigkeit, weil sie den von ihr selbst gesetzten moralischen Standards nicht genügt, verliert sie alles und droht im besten Falle, eine Sekte zu werden. Eben deshalb ist es in ihrem wohlverstandenen Eigeninteresse, nicht nur die aktuellen Missbrauchsfälle rückhaltlos aufzuklären, sondern aus deren systematischem Auftreten endlich auch institutionelle und theologische Konsequenzen zu ziehen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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