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24. Februar 2014

Leitartikel: Mehr Menschlichkeit beim Tod

 Von 
Pflegekraft am Bett eines Gastes in einem deutschen Hospiz.  Foto: imago/epd

Beim Thema Sterbehilfe fehlen uns allgemeinverbindliche moralische Maßstäbe. Die ärztliche Mitwirkung beim Suizid muss enttabuisiert werden; es braucht ethisch vertretbare Regeln.

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Wären Sie auch lieber tot als pflegebedürftig? Für viele Menschen ist die Aussicht, einmal auf Pflege angewiesen zu sein, offenbar ein Alptraum. Laut einer Umfrage kann sich jeder zweite Deutsche vorstellen, sich bei dieser Diagnose das Leben zu nehmen. Und er würde sich wünschen, dass ihm ein Arzt beim Freitod hilft.

Doch statt diese Möglichkeit zu erleichtern, möchte die Union die Rechtslage verschärfen. Ihr Gesundheitsminister Hermann Gröhe will die „organisierte Suizidhilfe“ unter Strafe stellen und Organisationen wie den deutschen Ableger des Schweizer Vereins Dignitas verbieten. Das würde den Graben noch vertiefen: zwischen einer Politik, die – assistiert vor allem von den Kirchen und konservativen Ärztefunktionären – auf die Unverfügbarkeit des Lebens pocht, und einer öffentlichen Meinung, die – unterstützt von liberalen Medizinethikern und Juristen – auf mehr Patientenautonomie dringt.

Diese Diskrepanz ist nicht dadurch zu heilen, dass sich Politik dem Mainstream anpasst. So leicht dürfen es sich die Abgeordneten nicht machen, die ihrem Gewissen verpflichtet sind. Aber sie dürfen ebenso wenig den Ruf nach Sterbehilfe und die Gründe dafür ignorieren. Lieber tot als pflegebedürftig: Dieser Satz ist Ausdruck von Angst, eine Misstrauenserklärung gegenüber dem desolaten Gesundheits- und Pflegesystem und eine Anklage gegen Politiker, die an den Missständen nichts ändern. Und er ist Ausdruck einer gewandelten Haltung zum Leben und Sterben.

Der Alptraum der alternden Gesellschaft besteht aus vielen Schreckensbildern. Es graut uns davor, von schlecht bezahlten, gehetzten Menschen gewaschen und gefüttert zu werden. Von anderen abhängig zu sein. Vor Einsamkeit, der Brutalität einer unheilbaren Krankheit, vor unerträglichen Schmerzen. Und nicht zuletzt davor, nicht sterben zu können, weil uns die Medizin gegen unseren Willen am Leben hält.

Bei menschenwürdiger Pflege brauche man keine Sterbehilfe

Dagegen helfen Patientenverfügungen, Palliativmedizin, mehr Hospizplätze, eine menschenwürdige Pflege. Dann kommt der Wunsch nach Sterbehilfe erst gar nicht auf, lautet die gängige Antwort der Sterbehilfe-Gegner. Tatsächlich stimmt das für die meisten Menschen.

Doch Palliativmedizin ist nicht für alle eine Lösung. Denn es geht auch um das Selbstbestimmungsrecht von Menschen, die nicht auf ihren Tod warten wollen: unheilbar Kranke, die einen Verfall bis zum bitteren Ende nicht erleben wollen, Patienten mit Muskellähmung, die sich verabschieden wollen, bevor sie dazu nicht mehr in der Lage sind. Oder Menschen, denen es wichtig ist, ihr Leben nicht sediert, sondern bei vollem Bewusstsein zu beenden.


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Jeder dritte deutsche Arzt ist laut Umfragen bereit, wie die Schweizer Kollegen Sterbewilligen mit Medikamenten zum Tod zu verhelfen. Und es gibt eine Grauzone, in der das bereits vielfach geschieht. Auch öffentlich distanzieren sich einige Mediziner von dem Paternalismus der Muster-Berufsordnung, die ihnen – anders als das Strafrecht – die Suizidbeihilfe verbietet.

Warum holen Ärztekammern und Gesetzgeber den ärztlich assistierten Suizid nicht aus der Grauzone heraus? Warum ersparen sie es nicht schwerkranken Menschen, sich (auch unseriösen) Sterbehelfern anvertrauen zu müssen, um in der Fremde zu sterben? Juristen prangern seit Jahren Rechtsunsicherheiten im Bereich der Sterbehilfe an.

Verbieten, bestrafen: Mehr fällt dem Minister nicht ein. Bloß keinen Dammbruch riskieren. Kein Tor öffnen, das wir nicht wieder schließen können, warnen uns Sterbehilfe-Gegner mit apokalyptischen Bildern. Doch das Tor ist längst offen. Auch die befürchtete Entsolidarisierung mit Alten und Schwachen ist bereits bittere Realität. Sonst sähe unser Pflegesystem anders aus. Mit gutem Grund hält der Staat an einem strikten Tötungsverbot fest und sucht nach Wegen, Geschäfte mit dem Tod zu unterbinden. Aber es wäre ein Gewinn an Menschlichkeit, die ärztliche Mitwirkung beim Suizid zu enttabuisieren und ethisch vertretbare Regeln aufzustellen für die Grenzfälle des Lebens. Rechtssicherheit zu schaffen: für die Patienten, die wohlüberlegt und in freier Willensentscheidung ihr unerträgliches Leiden verkürzen wollen, und für die Ärzte, die ihnen dann dabei assistieren dürfen, ohne Sanktionen fürchten zu müssen. Die Erfahrung zeigt im Übrigen: Vielen Menschen reicht die Option eines Freitods; den Notausgang betreten sie am Ende gar nicht.

Politiker mit (Denk-)Verboten scheuen die Mühe, einen neuen Kompass für die werteplurale Gesellschaft zu entwickeln. Seien wir redlich: Uns fehlen beim Thema Sterbehilfe allgemeinverbindliche moralische Maßstäbe, weil alte Autoritäten keine mehr sind. Aber die Mühe, überkommene Regeln durch eine zeitgemäße gesellschaftliche Vereinbarung zu ersetzen, müssen wir uns machen. Denn die Zeit ist überreif, Planken zu legen über den Graben, der die Politik von den Erwartungen der Gesellschaft trennt.

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