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Leitartikel: Menschenskinder

Sollen wir ein Stück Papier feiern? 20 Jahre Kinderkonvention - und noch immer Gewalt, Missbrauch, Armut. Das muss sich ändern: Kinder sind keine Objekte, sie haben Rechte. Von Sabine Hamacher

Sabine Hamacher ist Politikredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Sabine Hamacher ist Politikredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Dreimal Kindheit zum Weglaufen: Der Siebenjährige, der in diesem Moment sein schlammbespritztes Gewehr nachlädt, sich wieder zu den anderen ins Gebüsch wirft und weiterballert, ist einer von 250000 Kindersoldaten auf dieser Erde. Die Zwölfjährige, die gerade den Stofflappen im Plastikeimer auswringt, sich die Scham abwäscht und dann auf der Matte für den nächsten Mann die Beine breit macht, ist eine von geschätzt vier Millionen minderjährigen Prostituierten weltweit. Der Zehnjährige, der die Kleiderhaufen auf dem Boden durchwühlt und nichts findet, was er im Sportunterricht anziehen könnte, ist eines von 2,5 Millionen Kindern in Deutschland, die in relativer Armut leben.

Und während diese drei und all die anderen sich durch ihren miserablen Tag quälen, feiern wir Jubiläum: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird heute 20 Jahre alt.

Am besten, wir sagen gleich alle Empfänge ab, zerknüllen die vielen Seiten Papier, auf denen Kindern das Recht auf Schutz vor Ausbeutung und Gewalt, auf Bildung und ein gesundes Lebensumfeld und so viel mehr zugesichert wird und schmeißen den ganzen Kram in den Papierkorb. Bringt ja offensichtlich nichts. Oder?

Die Versuchung ist groß, denn man muss kein Pessimist sein, um zu befürchten, dass es auch in 20 Jahren, 2029 also, noch viel zu viele Kinder gibt, die nicht so leben können, wie sie leben können sollten. Zumal die meisten nicht einmal von ihren Rechten wissen. Selbst im aufgeklärten Deutschland war 30 Prozent der für eine Umfrage befragten Kinder nicht bekannt, dass die Kinderrechte für alle gelten. Und ebenfalls 30 Prozent meinten, dass ihre Eltern sie schlagen dürften. Dabei steht das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung nicht nur in der Kinderrechtskonvention, sondern seit fast zehn Jahren im Bürgerlichen Gesetzbuch. Damals, im Jahr 2000, war diese Rechtsreform primär als Orientierung für die Eltern gedacht; man hatte nicht etwa vor, diese häufiger als bisher strafrechtlich zu verfolgen.

Und - jetzt kommt endlich eine gute Nachricht - es gibt Hoffnung: Die Orientierungshilfe wirkt. Wer würde heute noch den lange geltenden Satz unterschreiben: Man darf niemanden schlagen, es sei denn das eigene Kind? Vergleichende Studien haben gezeigt, dass ein solches Gesetz das Bewusstsein schärft für die Ächtung von Gewalt. In Schweden, uns wie so oft ein paar Schritte voraus, ist Gewalt in der Familie schon seit 30 Jahren verboten. Dort lehnen heute 93 Prozent der Eltern Gewalt als Erziehungsmittel ab, während in Deutschland erst 86 Prozent so denken.

Denn das Bewusstsein, Kinder als Persönlichkeiten mit Rechten zu betrachten, setzt sich nur sehr langsam durch. Um diesem Prozess einen Schub zu geben, sollten die aus der Konvention abgeleiteten Kinderrechte endlich im Grundgesetz verankert werden. Dafür treten inzwischen alle wichtigen Parteien mit Ausnahme der Union ein, und auch in der gibt es profilierte Befürworter wie Ursula von der Leyen. Was spricht auch dagegen? Wiegt das Argument, das Grundgesetz nicht zu überfrachten, so schwer wie das Signal, das dieser Schritt ganz eindeutig wäre?

Nein - aber er reicht auch nicht. Es gibt nichts Wichtigeres als die Kinder. Dass sie die Zukunft sind, ist zwar ein abgedroschener Satz, aber er stimmt. Die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz ist deshalb auch nur ein Schritt von vielen hin zu einer Politik, in der Kinder Priorität haben. Schwarz-Gelb macht gerade vor, wie es nicht geht: Einerseits verspricht die neue Regierung, sich für die Stärkung der Kinderrechte und kindgerechte Lebensverhältnisse einzusetzen. Andererseits macht sie mit ihrer Kinder- und Betreuungsgeld-Politik eine Rolle rückwärts weg vom Ziel, allen möglichst gleiche Chancen zu bieten.

Fatal. Denn - klar gibt es Ausnahmen - wer heute keine Chance auf Bildung hat, kann sich morgen nicht einbringen; wer geschlagen wird, schlägt morgen zurück, und wer heute keine Perspektive hat, zerstört morgen die Perspektiven anderer. Sehen wir es global, heißt das: Kinder, die heute Krieg führen müssen, sind die Kriegstreiber von morgen. Kinder sind nicht nur Glück oder Problem ihrer Eltern, sie gehen uns alle an. Wie sie groß werden, ist für die ganze Gesellschaft von elementarem Interesse. Das will die UN-Kinderrechtskonvention ins Bewusstsein rücken. Sie hat die Welt (noch) nicht entscheidend verbessert, aber sie ist ein Gerüst, auf dem man aufbauen kann. Aufbauen muss!

Autor:  Sabine Hamacher
Datum:  20 | 11 | 2009
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