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Leitartikel: Merkel muss die CDU besiegen

Madame schwächelt. Und schon gibt sich die von ihr beiseite geschobene Männer-Riege antiautoritär. Die Parteichefin ist zur Führung herausgefordert. Von Thomas Kröter

Mehr Führung, hallt es Angela Merkel entgegen. Mehr Profil für die CDU! Die Umfragen unterstreichen diese Forderungen. Wirklich? In die Bundestagswahl 2005 führte die Kanzler(kandidat)in ihren Verein mit klaren Konzepten für Steuer- und Gesundheitsreform... knapp an Niederlage vorbei. Die samtpfötige Moderatorin von heute platziert die Partei in der 35-Prozent-Zone von damals. Ob Merkel führt oder nicht, ist , mit Verlaub, schnurz. Oder?

Die Union laboriert heute strukturell an derselben Malaise wie vor vier Jahren: Sie ist nicht in der Lage, das Potenzial einer Volkspartei altbundesrepublikanischer Prägung auszuschöpfen. Damals modelte Merkel die CDU zur christlichen Groß-FDP um und kappte den klassischen Sozialflügel mit Norbert Blüm. Heute ist sie nicht mehr in der Lage den Wirtschaftsflügel bei Laune zu halten. Die Klientel flieht zur FDP.

Mit kühlem Kopf wäre diese Gewichtsverschiebung auszuhalten. Denn sie bleibt im bürgerlichen Lager. Guido Westerwelle hat seine Partei fest mit der Union verlobt. Für dies Eheversprechen zeichnet sich in den für die CDU so frustrierenden Umfragen eine stabile Mehrheit ab. Allerdings: 2005 war es ähnlich. Dann schwächelte Merkel auf der Zielgeraden. Die SPD verlor knapp. Das Misstrauen hat also Gründe.

Die Mehrzahl der Profilierungsvorschläge löst das Problem nicht. Statt einer CDU, die ihnen nach Steinmeier stinkt, wollen sie wieder eine, die nach Westerwelle duftet. Links minus = recht plus. Ein Nullsummenspiel. Bleibt als Rest der zweite Teil des demobilisierten Potenzials. Für ihn stehen das C im Parteinamen und K für konservativ. Oder auch: P wie Papst und S wie Steinbach. Den einen hat eine CDU-Chefin nicht zu kritisieren, die andere nicht im Stich zu lassen, meinen auch christdemokratische Protestanten und Nichtschlesier. Dass der Umgang mit dem Holocaust und das Verhältnis zu Polen Fragen der Staatsraison sind, die eine Regierungschefin über die Parteivorsitzende in sich siegen lassen müssen, ist ihnen zu kompliziert. Aber die Welt ist auch nicht so einfach, wie Merkel gern möchte. Sie meint, das Problem mit dem klassisch konservativen und katholischen Milieu löse sich mittelfristig demografisch. Doch diese auf die Modernisierung der Partei ausgerichtete Strategie droht, im Blick auf die übernächste Wahl die nächste zu verlieren.

Horst Seehofer, der Chef der Schwesterpartei, geht das Dilemma differenzierter an. Er verordnet der CSU neue Führungsgesichter, die (fast) alle als kleine Brüder und Schwestern von Merkels Modernisierungsmustermutter Ursula von der Leyen durch- gehen könnten. Aber er federt die personelle Verfremdung durch knallharten Regionalegoismus ab, gepaart mit krachlederner (sozial)populistisch konservativer Rhetorik. Doch das eine kann die Regierungs-, das andere will die Parteichefin nicht.

Die Uniform des Kanzlers gegen die des Parteivorsitzenden tauschen, wie es aus der CDU von Merkel gefordert wird - das hat 2005 Gerhard Schröder getan. Im Kostüm des Klassenkämpfers brachte der gescheiterte Modernisierer die SPD wieder auf Augenhöhe. Merkel als Klon aus Seehofer, Roland Koch und Günther Oettinger? Unauthentisch. Aber was dann?

Man kann das Problem der CDU auch aus anderer Warte betrachten. Denn jene Autorität, die der Ruf nach Führung verlangt, hat zwei Seiten: Einen, der sie ausstrahlt - und viele, die bereit sind, sie zu akzeptieren. An ihnen mangelt es in der CDU. In ihren besten Zeiten von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl schickte sie sich, gelegentlich murrend, meist aber zufrieden, in ihr Schicksal als "Kanzlerwahlverein".

Unter Merkel ist das anders. Heute werden die Sollbruchstellen virulent, die im Verhältnis zwischen der (west)bundesdeutschen CDU und ihrer Vorsitzenden von Anfang an angelegt waren. "Königin der Herzen" war sie nur für einen kurzen Moment politischer Flitterwochen, als sie der Partei aus der Patsche half, in die ihr Patriarch sie mit seinen schwarzen Kassen geritten hatte. Es folgte eine Vernunftehe. Mit erstaunlichem Machtgeschick ließ Merkel sich einfach nicht abschütteln, als ihre Arbeit getan war: Aufräumen. Auf der Strecke blieb die Mannschaft potenzieller Kanzler aus dem Westen. Nun schwächelt Madame und die Jungs werden unruhig. Doch mit ihrem (spät)antiautoritären Affekt beschädigen sie nicht nur Merkel, sondern ihren gemeinsamen Verein. So bekommen sie auf bizarre Weise Recht. Ja, Merkel muss führen. Um Kanzlerin zu bleiben, muss die CDU-Chefin vor der SPD die eigene Partei besiegen.

Autor:  THOMAS KRÖTER
Datum:  9 | 3 | 2009
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