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Leitartikel: Merkel und Sarkozy: Europa-Paar in Aktion

Die Gewichte im deutsch-französischen Verhältnis haben sich verschoben, zugunsten Deutschlands. In Frankreich weckt der eigene Bedeutungsverlust Ängste vor deutschem Vormachtstreben.

Da wächst doch tatsächlich noch zusammen, was zusammengehört. Angela Merkel, die daheim zubereitete Erbsensuppe und Schlichtheit schätzende Physikerin, sowie Nicolas Sarkozy, der sprunghafte Jetset-Anwalt mit Hang zum Bling-Bling – sie sind zwar noch immer kein Traumpaar. Aber ein forsches Führungsduo geben die deutsche Kanzlerin und der französische Staatschef in der Euro- und Schuldenkrise allemal ab.

In Cannes hatten sie den pflichtvergessenen Defizitsündern Giorgos Papandreou und Silvio Berlusconi derart die Leviten gelesen, dass den beiden wenig später abgelösten Regierungschefs Hören und Sehen verging. In Straßburg baten Merkel und Sarkozy gestern Berlusconis Nachfolger Mario Monti zum Rapport. Das Duo schlug gegenüber dem seriös-soliden Sachwalter zwar mildere Töne an, ließ aber wieder keinen Zweifel daran, wer Herr im europäischen Hause ist.

So viel deutsch-französische Eintracht war nicht immer. Die Krise hat sie möglich gemacht. Sarkozy weiß: Ein Missklang im Verhältnis zum großen Nachbarn, dem letzten Hort der Stabilität in der Eurozone – und alles ist hin. Fort und perdu wäre Frankreichs Bestnote auf dem Kreditmarkt, das dreifache A, und damit die Chance, als erfolgreicher Krisenmanager im nächsten Frühjahr ein zweites Mandat als Präsident zu erringen. Ganz zu schweigen von den Folgen für den nicht nur auf Deutschlands, sondern auch auf Frankreichs Bonität gründenden Euro-Rettungsschirm. Merkel wiederum weiß: Wenn der Euro und Europa überhaupt zu retten sind, dann allenfalls mit, aber niemals gegen Frankreich.

Wo Trennendes früher bisweilen provokativ herausgestellt worden war, wird es nun kaschiert, klein- oder weggeredet. In Straßburg plädierte Sarkozy nicht einmal mehr verhalten für Eurobonds, die gemeinsamen Anleihen der Eurozone, von denen Merkel nichts wissen will. Auch über die von ihm erhoffte Ausweitung der Kompetenzen der Europäischen Zentralbank verlor der Staatschef kein Wort. Stattdessen legte er ein flammendes Bekenntnis zur Unabhängigkeit der EZB ab, wie es Merkel nicht schöner hätte formulieren können. Die Kanzlerin wiederum ruft im Sinne des Gastgebers nach einer europäischen Fiskalunion, als könne eine Anpassung der Steuersysteme die Eurokrise nachhaltig eindämmen.

Sarkozy macht größere Zugeständnisse

Gegenseitiges Nachgeben heißt indes nicht, dass beide Seiten gleichviel nachgeben. Sarkozy macht deutlich größere Zugeständnisse. Die Gewichte im deutsch-französischen Verhältnis haben sich verschoben, zugunsten Deutschlands. Der Franzose trägt der neuen Lage Rechnung.

Die gegenläufige Entwicklung bei Peugeot und VW hat dies in dieser Woche illustriert. Während der französische Autobauer den Abbau Tausender von Arbeitsplätzen ankündigen musste, meldete die deutsche Konkurrenz ein Umsatzplus von 25 Prozent im ersten Halbjahr 2011 und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Ob es um Frankreichs teure Verwaltung geht oder die Wettbewerbsnachteile des Landes: Die Bundesrepublik wird als Modell herumgereicht. Warum müssen in Frankreich 90 Staatsdiener auf 1 000 Einwohner kommen, wenn es rechts des Rheins auch 50 tun? Wieso bekennen sich 65 Prozent der Deutschen zur freien Marktwirtschaft aber nur 33 Prozent der Franzosen? Fragen dieser Art beschäftigen Historiker, Soziologen, Ökonomen. Noch nie seit dem zweiten Weltkrieg war Deutschland so bestimmend, so stark.

Angst vor deutschem Vormachtstreben

Beim französischen Nachbarn löst das nicht nur Bewunderung aus. Der eigene Bedeutungsverlust weckt Ängste vor deutschem Vormachtstreben. Ähnlich ergeht es dem Rest Europas, wo die Vorbehalte nicht nur Merkel, sondern, angesichts des deutsch-französischen Schulterschlusses, auch Sarkozy gelten. Dem Führungsduo schlägt Misstrauen entgegen. Wenn die zwei in Straßburg Italiens neuen Premier Monti als Dritten im Bunde demonstrativ in die Mitte nahmen, dann auch, um Kritik am wenig demokratischen deutsch-französischen Führungsgebaren zu entkräften.

Aber da ist nicht nur Ablehnung, da ist auch Spott. Als „Merkozy“ wird das Duo bei den EU-Partnern gehandelt. Der Spott kommt nicht von ungefähr. Die aus der Not geborene Gemeinschaft der so offenkundig nicht für einander geschaffenen Partner ist nicht frei von Komik. Gewiss, de Gaulle und Adenauer, Giscard und Schmidt, Mitterrand und Kohl oder Chirac und Schröder taten sich anfangs auch schwer miteinander. Aber politische Affinität und menschliche Nähe waren doch größer als zwischen Merkel und Sarkozy.

Aber die Zwei wissen immerhin: Sie brauchen einander. Und sie handeln danach, konsequenter denn je. Zu mehr reicht es nicht. Aber in Krisenzeiten ist das schon eine ganze Menge.

Autor:  Axel Veiel
Datum:  25 | 11 | 2011
Kommentare:  3
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