Nicht so dicke! Mit diesen Worten konterte Angela Merkel den Vorschlag ihrer Redenschreiber, die erste Neujahrsansprache als Bundeskanzlerin mit "Gott segne unser Vaterland" zu beschließen. Wie Helmut Kohl. Merkel wünschte ein "gesegnetes neues Jahr". Nicht so dicke! Besser lässt sich der politische Stil der ersten Frau an der Spitze einer Volkspartei und der Bundesregierung kaum auf den Begriff bringen. Doch dies Understatement gerät ihr zum Problem, und das nicht bloß, wenn sie sich weigert, das Christliche eine Schicht dicker aufzutragen.
Am wenigstens stört diese Zurückhaltung die Bürger. Ausweislich ihrer Umfragewerte mag die Mehrheit Merkels Art. Doch die auf Kohls Pathos und Gerhard Schröders "Basta" geeichte politische Publizistik fremdelt auch nach fast vier Jahren noch. Am schlimmsten aber: Die CDU, mindestens ihre tragende Funktionärsschicht, hätt's gern erheblich dicker, im Auftreten wie bei den Inhalten. Als hätte die Kanzlerin national wie international mit der Finanzkrise nicht genug zu tun, rutscht das Verhältnis der Vorsitzenden zu ihrer Partei in eine Krise.
Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl findet es eine Partei logischerweise nicht lustig, wenn ihre Umfragewerte halb so hoch sind wie die der Kanzlerin - und unter den 35,2 Prozent der vergangenen Bundestagswahl liegen. Sie sind meilenweit entfernt von den 40 plus X, die Merkel für den 27. September als Ziel ausgegeben hat. Kanzlerinbonus an Partei-Malus - ein ungenießbares Gericht für CDU-Gaumen.
Dass es so weit kommen konnte, hat mindestens so viel mit den Gemeinsamkeiten der aktuellen Kanzlerin mit ihren Vorgängern zu tun wie mit den Unterschieden. Sicher: In der großen Koalition moderiert Merkel mehr, als dass sie führt. Aber wie soll die CDU-Chefin denn auch die SPD führen? Das schafft sie ja - wie schon Helmut Kohl - nicht mal bei der Schwesterpartei CSU.
Den eigenen Laden führt die Vorsitzende durchaus gnadenlos, nicht zuletzt, in dem sie ihm, zu dessen Missvergnügen, beibiegt, dass es in einer großen Koalition keine CDU pur geben kann, sondern nur mehr oder weniger schmerzhafte Kompromisse. Andererseits stellt sich immer klarer heraus: Unter CDU pur versteht Merkel etwas anderes als Teile ihrer Partei. Für die Konservativen bedeutet die Familienpolitik Ursula von der Leyens eine feministische Verwässerung klassisch christlicher Werte. Für Merkel zählt die Verbindung von Familie und Beruf zur modernen Verwirklichung dieser Werte.
Eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung hat vor zwei Jahren idealtypisch vier Gruppen von CDU-Mitgliedern herausgearbeitet: Die stärkste sind mit 32 Prozent die marktwirtschaftlich Orientierten, es folgen die Traditionsbewussten (26 Prozent), die christlich Sozialen (25) und als kleinste Gruppe mit 17 Prozent die gesellschaftspolitisch Liberalen.
Merkels Probleme mit ihrer Partei beruhen zum einen darauf, dass sie in der Koalition mit der SPD die marktwirtschaftlich orientierten Mitglieder und Sympathisanten frustriert. Das erklärt den Höhenflug der FDP. Zum anderen hat der Prozess der kulturellen Modernisierung, dem von der Leyen das Gesicht gibt, vor allem die innerparteilich kleinste Gruppe im Blick. Auch dies nicht ohne Grund. Die gesellschaftspolitisch Liberalen sind einerseits die Jüngsten in der überalterten CDU, andererseits hat die Partei hier in der Wählerschaft, der großstädtischen zumal, das größte Defizit.
Doch in den Wahlurnen bleibt die Dividende für Merkels Modernisierung bislang aus. Einst treue Konservative, denen die Liberalen nicht weniger zuwider sind als die "Sozen" , bleiben zu Haus. Deshalb ist es so gefährlich für Merkel, wenn sie aus Gründen der Staatsräson die Vertriebenen düpiert oder den Papst kritisiert. Die Debatte über derlei Fragen lässt sich noch nicht einmal als Ausweis einer wunderbar lebendigen Volkspartei vermarkten. Denn eins mögen klassische CDU-Wähler am allerwenigsten: Streit.
Genausowenig wie die Anhänger anderer Parteien aber mögen sie es, wenn sie mit einem, sei es noch so Merkel-dünn aufgetragenen "Basta!" abgespeist werden. Sie wollen ernst genommen, überzeugt werden. Merkel scheint das begriffen zu haben. Deshalb beginnt sie, nicht nur zu führen, sondern auch zu begründen. Von Bild bis Anne Will ist keine populäre Plattform vor ihrem neuen Äußerungswillen sicher. Wenn sie jetzt nicht kämpft, ist das dicke Ende nah.
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