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Leitartikel: Mut gegen Lärm

Mehr Fußgängerzonen, Zugang zur Innenstadt nur noch für Null-Emissionsfahrzeuge und ein überzeugendes Mobilitätskonzept - damit kann die Stadt Zeichen setzen. Von Jürgen Schultheis

Jürgen Schultheis ist Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau.
Jürgen Schultheis ist Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Machen wir ein Experiment und wenden das Gesetz zum Schutz gegen Fluglärm - was juristisch nicht zulässig ist - auf die Gebiete in Frankfurt an, wo Straßen und Bahntrassen verlaufen: Das Fluglärmschutzgesetz erlaubt für die Nacht einen durchschnittlichen Schallpegel von maximal 55 dB. Wo es lauter ist, darf künftig kein Haus mehr gebaut werden, sofern es keinen bestehenden Bebauungsplan gibt. Auf Straßenlärm angewendet, würden allein in Frankfurt 70000 von 670000 Menschen in Gebieten leben, in denen unter gleichen Voraussetzungen kein Haus mehr errichtet werden dürfte.

Die fiktive Rechnung belegt, welches Ausmaß das Problem des Straßenverkehrslärms angenommen hat. Ein Problem, das häufig noch nicht als Problem erkannt wird, weil ausschließlich wir selbst es sind, die dieses Problem verursachen - weil wir als mobile Zeitgenossen häufig genug ins Auto steigen und damit kurze Wege fahren, die leicht mit Rad, der Straßen- oder U-Bahn zurückgelegt werden könnten. Die Hälfte aller Autofahrten ist im Bundesdurchschnittt kürzer als sechs Kilometer, fünf Prozent der Fahrten sind nicht länger als ein Kilometer, worauf die Bundesregierung im vergangenen Jahr hingewiesen hat.

Da liegt ein dicker Brocken vor uns, sagt der Referent von Frankfurts Umweltdezernentin Manuela Rottmann, Wendelin Friedel, mit gutem Grund. Diesen Brocken zu beseitigen, das hat die EU den Mitgliedsstaaten schon vor Jahren zur Aufgabe gemacht. Und womöglich wären wir nicht soweit, wenn die EU von den Mitgliedsstaaten keine Aktionspläne gegen Verkehrslärm verlangen würde. Die externen Kosten des Verkehrslärms sind hoch, das Umweltbundesamt kalkuliert allein für den Personenverkehr mit jährlich 4,7 Milliarden Euro. Darin enthalten sind Erkrankungen, die von Lärmpegeln ausgelöst werden, die jenseits der 55 dB liegen.

Frankfurt tut gut daran, sich für Flüsterasphalt, allgemeine Tempobeschränkungen und Fahrverbote für Lkw einzusetzen. Das allein wird aber nicht reichen. Weil neben Lärm auch Stickoxide ein Thema sind, muss die Stadt auf den Radverkehr, auf den öffentlichen Personennahverkehr und auf die Elektromobilität setzen. Das alles ist im Umweltdezernat angedacht. Und wenn sich die Koalition der Willigen im Römer nicht durch Jungtürken wie Wolff Holtz irritieren lässt, steuert sie auch den richtigen Kurs.

Aber ein bisschen mutiger darf´s sein: Die Sperrung der Hauptwache für lärmende und stinkende Autos kann nur ein Anfang sein. Mehr Fußgängerzonen, Zugang zur Innenstadt nur noch für Null-Emissionsfahrzeuge und ein überzeugendes Mobilitätskonzept - damit kann die Stadt Zeichen setzen.

Autor:  Jürgen Schultheis
Datum:  13 | 3 | 2010
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