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Leitartikel: Nach den Ferien anders streiken

Die Erzieherinnen setzen ihren Tarifkampf aus. Viele Eltern haben sich zuletzt über Kita-Schließungen geärgert. Auf dieses Mittel sollte Verdi nach dem Sommer eher verzichten. Von Katja Irle

Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Vielleicht hat Verdi bei Ferrero abgeguckt. Der Süßwarenproduzent lässt seine Pralinen gern im Sommerloch verschwinden, um sie im Herbst wieder anzubieten - frischer und besser denn je. Der Marketinggag funktioniert. Wie die Piemontkirsche pausiert nun auch der Kita-Streik in den meisten Bundesländern. Sein bereits angekündigtes Comeback nach den Ferien dürfte jedoch auf wenig Begeisterung stoßen. Zumindest dann, wenn er so weitergeht wie bisher.

Unter den Befürwortern des Streiks kippt die Stimmung. Sie kippt, weil die Unterstützer des Protestes auch gleichzeitig die Leidtragenden sind. Als im Mai die ersten Kindertagesstätten dicht machten, solidarisierten sich viele Eltern mit den demonstrierenden Erzieherinnen, weil sie auf eine gute Bildungs- und Betreuungsarbeit für ihre Kinder setzen. Sie unterstützten die Forderungen nach besserem Gesundheitsschutz und mehr Geld, obwohl die Gewerkschaft für Letzteres wegen der noch geltenden Friedenspflicht eigentlich gar nicht hätte streiken dürfen.

Der Protest mobilisierte offenbar auch jene Teile, die sich mit Gewerkschaften bisher schwer taten. Obwohl die Verhandlungen zwischen Verdi und den Arbeitgebern kein Ergebnis brachten, meldete die Gewerkschaft Zuwachs: Allein in Nordrhein-Westfalen traten mehr als 2000 Erzieher und Sozialpädagogen ein.

Schlecht fürs Image sind die seit Wochen geschlossenen Kita-Türen, zumal der Streik nicht die Arbeitgeber, sondern in erster Linie die Eltern trifft. Während die Kommunen als Träger der Einrichtungen sogar noch Geld sparen, weil die Gewerkschaften die Löhne für die streikenden Mitarbeiter übernehmen, reagieren Mütter und Väter auf den Ausfall der Kinderbetreuung zunehmend gereizt. Schon organisieren Eltern erste Demonstrationen; in Internetforen ist von "geldgeilen Erzieherinnen" die Rede, was bei einem Bruttoverdienst von 1500 bis 2000 Euro ziemlich frech ist. Aber solche Äußerungen zeigen, dass die Solidarität mit den Streikenden in Ablehnung umschlägt, wenn die berechtigten Interessen eines Berufsstands allzu lange auf dem Rücken von Kindern und Eltern ausgetragen werden.

Gewerkschaften, Erzieherinnen und Sozialpädagogen tun also gut daran, ihre Strategie zu überdenken, wenn sie nach den Sommerferien wieder bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung für die bundesweit rund 220 000 Erzieherinnen und Erzieher fordern. Der Zeitpunkt ist günstig, denn neben der Finanzkrise bestimmt auch die Bildung den Wahlkampf, soll sie doch trotz oder gerade wegen der Geldklemme keine Nachteile erleiden. Deshalb wird (zumindest verbal) keine Partei die Forderung nach einer Aufwertung frühkindlicher Bildung blockieren. Von Schwarz bis Grün summen alle das Loblied auf die Bedeutung der Kita-Jahre, ohne die Ausgaben für diesen Bildungsbereich so zu erhöhen, wie es nötig wäre. Wenn aber ein Milliarden-Pakt für die Hochschulen trotz Finanzkrise bereits in die zweite Runde geht, dann dürfte auch die frühkindliche Bildung mittelfristig einen Nachschlag erwarten. Die Bundeszuschüsse durch das Kinderförderungsgesetz und Konjunkturpakete reichen nicht aus. Der versprochene Ausbau für die unter Dreijährigen kommt nur schleppend voran, das Gleiche gilt für den angekündigten Qualitätssprung in der Bildungsarbeit mit den Kleinsten.

Diese Argumente sollten Erzieher und Sozialarbeiter nach den Sommerferien in den Mittelpunkt stellen. Ihre vorgeschobene Forderung nach einem Gesundheitstarifvertrag taugt nicht länger, um in der Öffentlichkeit zu punkten. Kaputte Rücken wegen zu kleiner Stühle? Kita-Lärm wie auf der Großbaustelle? Überlastung durch zunehmende Verwaltungsaufgaben? Für diese Schattenseiten des Berufs wird sich nur noch wenig Mitleid regen, wenn die legitimen Eigeninteressen eines Berufsstands nicht mit der Frage nach den Bedürfnissen von Eltern und Kindern verknüpft werden. Natürlich sollten Erzieherinnen mehr verdienen und unter besseren Bedingungen arbeiten. Im Gegenzug sollten sich aber gerade die kommunalen Einrichtungen fragen, ob sie auch tatsächlich Bildung anstatt bloßer Betreuung anbieten und wie familienfreundlich ihre Öffnungszeiten und Umgangsformen sind.

Der Protest muss nach der Sommerpause frischer und besser durchdacht wieder auftauchen - aber ohne umfangreiche Kita-Schließungen. Ansonsten ist der Ferrero-Effekt dahin.

Autor:  KATJA IRLE
Datum:  29 | 6 | 2009
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