kalaydo.de Anzeigen

Leitartikel: Neugier ist Pflicht

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss Nach dem unwürdigen Geschacher um den ZDF-Chefredakteur den Einfluss externer Kontrolleure mindern. Es braucht aber auch eine selbstbewusste Auffrischung des Programmangebots. Von Harry Nutt

Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Harry Nutt ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Nach dem unwürdigen Geschacher um den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender dürften nicht wenige die reibungslose Neubesetzung des Postens mit dem Journalisten Peter Frey als Befreiungsschlag empfinden. Der ZDF-Verwaltungsrat, der sich zuvor in großer Zerrissenheit auf der politischen Bühne präsentierte, hat einstimmig für den als gemäßigt links geltenden Frey votiert. Hinter den Kulissen wird nun nachgeschaut, ob die daraus resultierenden personellen Verschiebungen in die politische Tektonik passen. Wenn´s hält, möchte man, nicht nur beim ZDF, so schnell wie möglich zurück zur Tagesordnung.

Alles wieder im Lot? Die beharrliche Einflussnahme der politischen Gremienvertreter war zu schrill und zu lärmend, als dass man nun wieder einfach zu "Leute heute" umschalten könnte. Es mag schon sein, dass der hessische Ministerpräsident Roland Koch als flinker Agent des Anti-Brender-Bollwerks nicht das Kernproblem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darstellt. Er hat es aber auf besonders obszöne Weise zum Ausdruck gebracht.

Selten zuvor ist die politische Kontrollfunktion so offensiv und gegen das journalistische Votum des Senders zum Machtinstrument umfunktioniert worden.

Korrekturen des Systems stehen nun auf der Tagesordnung von Medienkommissionen und Staatskanzleien. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck etwa möchte den ZDF-Staatsvertrag mit Blick auf die Mehrheitsverhältnisse bei Personalentscheidungen ändern. Ein Fall Brender soll sich nicht wiederholen.

Der Vertreter der Bundesregierung, Staatsminister Bernd Neumann, soll nach Becks Plänen ganz aus dem Gremium verschwinden. Das suggeriert eine Staatsferne, wie sie der Gesetzgeber ausdrücklich vorsieht. Einen vollständigen Rückzug der Politik, wie ihn viele nun fordern, hat Beck allerdings nicht im Sinn. Kein Politiker betreibt freiwillig die Abschaffung seines Einflusses und seiner Kompetenzen. In diesem Sinn sind die Vorschläge für einen neuen Staatsvertrag kaum mehr als politische Kosmetik.

Tatsächlich aber bedarf der öffentlich-rechtliche Rundfunk einer weitreichenden Reform seines Selbstverständnisses, wenn er die strukturellen Gewitter überstehen will, denen nicht allein die Medien, sondern die demokratische Öffentlichkeit insgesamt ausgesetzt ist.

Es sind nicht nur die Gremienvertreter mit Parteibuch, die die öffentlich-rechtlichen Sender in der Vergangenheit zu schwerfälligen Institutionstankern gemacht haben. Auf der anderen Seite des Tisches sitzen die Abgeordneten sogenannter gesellschaftlich relevanter Gruppen, die einem harmonischen und überschaubaren Gesellschaftsbild der späten 50er Jahre entsprungen sein könnten.

Mit den Herausforderungen, die eine von desintegrativen Kräften geplagte Gesellschaft zu bewältigen hat, können es derart träge Senderstrukturen nur sehr bedingt aufnehmen. Der Konkurrenzkampf mit den privaten Sendern um Quoten und Werbekunden hat große Teile des öffentlichen Auftrags verkümmern lassen.

Dabei hat der britische Staatssender BBC schon vor Jahren vorgemacht, wie eine zeitgemäße Umstrukturierung aussehen könnte. Bis heute gelingt es auf der Basis eines verschlankten Apparats insbesondere im Bereich von Wissen, Bildung und Information Programme hervorzubringen, die als internationale Exportschlager gelten.

Man muss keine detaillierte Programmkritik durchbuchstabieren, um zu erkennen, dass den öffentlich-rechtlichen Sendern ein Ethos für gesellschaftliche Neugier fehlt. Dabei könnte gerade das nun seit über zwei Jahrzehnten erprobte Nebeneinander von privaten und öffentlich-rechtlichen Programmen Anlass für ein gesundes Selbstbewusstsein sein. Es ist ja gerade die Kurzatmigkeit der Privaten, die bei ausgeprägter Präsenz der Unterschichten ihr soziales Desinteresse zum Programm erhoben haben.

Zur Genesung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks braucht es keinen Komplett-Auszug der Politik aus den Senderstrukturen. Es muss vielmehr ein Medienbewusstsein einziehen, das das soziale Umfeld als Rohstoff und Beobachtungsgegenstand ernst nimmt. Die Krise der Medien unterscheidet sich nicht allzu sehr von der Krise der Politik. Beide leiden unter einem erheblichen Verlust gesellschaftlicher Bindekräfte. Die Frage, wie sich demokratische Öffentlichkeit künftig herstellen lässt, ist ihr gemeinsames Thema. Zurück zur Tagesordnung geht es nur darüber.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  11 | 12 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Spezial
Indien

Die Vereinten Nationen bilanzieren, wie weit sie mit den Millenniums-Zielen zur Armutsbekämpfung sind. Die FR schaut genau hin.