Die Lektüre anderer Zeitungen empfehlen wir an dieser Stelle nur in absoluten Ausnahmefällen und zudem äußerst ungern. Sollten Sie aber noch eine FAZ oder eine "Bild" von gestern finden, dann zögern Sie bitte nicht. Auf Seite 2 (Bild) beziehungsweise 27 (FAZ) erfahren Sie, warum einer unserer jüngsten Skandale auf keinen Fall einer ist.
Frank Schirrmacher (FAZ) zum Beispiel war selbst dabei, beim Essen der Kanzlerin für Josef Ackermann, und zwar weil er Ackermann "mag". Hugo Müller-Vogg (Bild) war wohl nicht dabei, aber er erläutert, plötzlich ganz trocken, warum die Kanzlerin sehr wohl auf Staatskosten mit Prominenten speisen darf.
Das alles ist natürlich furchtbar unappetitlich, vor allem bei der Bild-Zeitung, die plötzlich das Skandalisieren verlernt, nachdem ihr Chefredakteur und die Springer-Verlagsspitze mitgegessen haben. Aber wir wollen sportlich bleiben: Ja, die Kanzlerin darf das. Sie darf sich die Gesellschaft ins Kanzleramt holen, sie soll es sogar, selbst wenn die Ackermann-Runde einen eher kleinen Ausschnitt der Gesellschaft repräsentierte.
Ein solches Essen ist kein Skandal, so wenig wie die Dienstwagen-Nutzung einer Ministerin, legale Abrechnung vorausgesetzt. Warum aber wird es dennoch zum "Skandal", unter großer öffentlicher Anteilnahme? Dafür gibt es Gründe, die über die Interessen bestimmter Medien und der wahlkämpfenden Konkurrenz weit hinausgehen.
Sowohl die "Dienstwagen-Affäre" der Ulla Schmidt als auch die Sache mit dem Ackermann-Essen taugen deshalb zum Skandal, weil sie uns Normalos plötzlich einen Blick in die verborgenen Welten der Politik erlauben. Diese Nahaufnahmen machen uns klar, wie weit das Leben der "Eliten" von unserem Alltag entfernt ist.
In solchen Momenten stellen wir zunächst nicht die Frage, ob wir selbst beim Abendessen noch gern Leute um uns hätten, mit denen wir nur beruflich verbunden sind. Wir überlegen auch nicht, ob Leute mit dem gewaltigen Arbeitspensum und der hohen Verantwortung einer Ministerin oder Kanzlerin wenigstens auf ein paar Annehmlichkeiten ein Recht haben sollten. Wir spüren die Ferne, und wir fragen uns, ob man aus diesem Universum die richtigen Entscheidungen für die Bedürfnisse der wirklichen Welt noch treffen kann.
Es ist wahrscheinlich gar nicht so, dass die Deutschen ihren Politikern jeden Luxus missgönnen würden. Aber es sind diese Zweifel an der Verbindung der Politiker mit der Realität, die die Menschen für die Skandalisierung des vermeintlich Nebensächlichen so empfänglich machen. Und es stärkt das Misstrauen - oder, genauso schlimm, das Desinteresse - dass wir keine Antwort haben.
Gerade in Zeiten der fundamentalen Finanzkrise hat ein Außenstehender kaum eine Möglichkeit, die Politik unserer Regierung zu beurteilen. HRE, Landesbanken, Opel, Konjunkturprogramm eins und zwei - selbst Abgeordnete des Deutschen Bundestages geben in aufrichtigen Momenten zu, nicht bewerten zu können, was sie beschließen.
So kristallisiert sich Politik zum einen in Personen wie dem Baron zu Guttenberg, denen man auch dann vertrauen möchte, wenn man keine Ahnung hat, was sie wirklich tun (und die am Ende womöglich ungeschoren bleiben, wenn sie sich Gesetze von den Anwälten der Wirtschaftslobby schreiben lassen).
Solche Politiker, darunter die inhaltsfrei auftretende Kanzlerin, bedienen das verbreitete Bedürfnis, sich gut regiert zu fühlen. Gegen sie gibt es offenbar nichts zu protestieren, zumal sich die Ungerechtigkeiten, die vor allem den Normalo treffen, hinter undurchschaubaren Gebilden wie Gesundheitsreformen und Bankenrettungspaketen verbergen.
Allerdings muss man schon einigen Zynismus mitbringen, um aus all dem zu schließen, die Menschen seien halt einfach zufrieden. Es sind die Skandale, in denen sich die Unzufriedenheit mit den Folgen einer Politik, die man nicht durchschaut, kristallisiert. Ein Mercedes in Spanien ist konkreter als eine Gesundheitsreform, für die wir bezahlen, ohne sie zu verstehen. Ein Luxusmenü ist konkreter als der womöglich schädliche Einfluss eines Josef Ackermann auf die konkreten Beschlüsse unserer Politiker.
So wird der Skandal zum Stellvertreter für das Unbehagen der Menschen an der Politik. Es würde auch der Kanzlerin nicht schaden, wenn sie über diesen Zusammenhang mal beim Essen nachdächte. Vielleicht in etwas anderer Besetzung als damals mit Ackermann.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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