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Leitartikel: Party-Spiele

Es war auch eine Fete im großen Stil. Vancouver hat gezeigt, dass die Zukunft des olympischen Winters in der Metropole liegt. Das erhöht die Chancen der Münchner Bewerbung für 2018. Von Reinhard Sogl

Reinhard Sogl ist Redakteur in der Sportredaktion der FR.
Reinhard Sogl ist Redakteur in der Sportredaktion der FR.
Foto: FR

Die Berufszyniker aus London waren dann doch etwas voreilig mit ihrem Urteil, wonach Vancouver 2010 als die schlimmsten Olympischen Spiele der Geschichte in die Annalen eingehen werde. Der schockierende Tod des georgischen Rodlers Novad Kumaritaschwili auf der schnellsten Kunsteisbahn der Welt, ein paar technische Pannen, fehlender Schnee und die anfangs unvermeidlichen Transportprobleme - und schon hatten die Meinungsmacher aus London die Daumen gesenkt. Doch dann folgte das Sommermärchen made in Canada.

Es gibt einige Gründe dafür, dass diese Winterspiele Erinnerungen an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wachriefen und das eine Woche lang perfekte Wetter in der Regenhauptstadt der Welt war nicht der geringste. Sonne und angenehme Temperaturen sind Katalysatoren für gute Stimmung, die sich bei Erfolgen der Athleten aus dem Gastgeberland um so leichter entwickelt. Zumindest in einem multikulturellen und weltoffenen Land, das auf der Suche nach nationaler Identität einen erträglichen Patriotismus entdeckt und in dem sich dennoch die Welt zu Gast bei Freunden fühlen darf, geht die Party dann richtig ab. Auch am Unglücksort der Schlittensportler - schließlich lag ja dem Unfall ein Fahrfehler zugrunde. Ganz nach dem Motto: Schrecklich, aber wir lassen uns doch die gute Laune nicht verderben. "Go Canada Go".

Wir leben in einer globalisierten Spaßgesellschaft, und das Internationale Olympische Komitee (IOC) trägt diesem Fun-Phänomen mit immer neuen Trendsportarten im Wettbewerbskanon Rechnung. Diesmal feierte der Ski-Cross genannte Nahkampf auf Brettern seine olympische Premiere. Solcherart Spektakel sorgt für Begeisterung vor Ort und für gute Fernsehquoten, weil Kurzweil geboten und keine Regelkunde notwendig ist. Wer vorn ist, hat gewonnen. Oder der Fachfremde ergötzt sich einfach am Circensischen wie den akrobatischen Luftnummern mit Snowboard oder Ski.

Um in diesem olympischen Ausscheidungsrennen mitzuhalten, denken sich die Macher immer neue Formate für die traditionellen Sportarten aus: Verfolgung in der Nordischen Kombination, sich rundenweise abwechselnde Langläufer, oder die telegene Skijagd namens Biathlon in jeder erdenklichen Variante. Da bleibt, so der fatale Irrglaube, für Rennsportarten auf Abfahrtsskiern oder Schlitten nur erhöhter Nervenkitzel. Dieser Pervertierung des olympischen Komparativs "schneller, höher, stärker" fiel der Rodler zum Opfer. Glück hatte die Schwedin Anja Pärson bei ihrem Crash auf eisiger Abfahrtspiste. Runter mit dem Risiko, muss die Lehre lauten. Der tödliche Unfall sorgte für eine olympische Zäsur. Als Konsequenz wird die für Sotschi 2014 zu bauende Bobbahn ein Tempolimit bekommen.

Vancouver 2010 war aber auch letzter Beweis dafür, dass die Zukunft der kalten oder genauer: kühleren Variante Olympias in Großstädten und einer Berg-Dépendance liegt. Die Zeit der Winter-sportromantik wie noch 1994 in Lillehammer ist vorbei, der dem Kommerz geschuldete Gigantismus braucht den Raum und die Vitalität einer Metropole.

Diesem Kriterium entspricht Sotschi ebenso wie es schon Turin vor vier Jahren getan hat. Doch steht zu befürchten, dass in der mediterranen Stadt am Schwarzen Meer die Winterspiele von der Bevölkerung noch weniger getragen werden als 2006 in Turin. In der norditalienischen Metropole zählt wenig außer Fußball, in Sotschi für die beim Zuschlag der Spiele nicht unbeteiligte Polit-Mafia nur das Geld. In Vancouver immerhin Eishockey.

Vancouver 2010 ist die Blaupause für die Bewerbung Münchens um den Zuschlag für Olympia in acht Jahren. Das Konzept mit der Stadt als Zentrale sowie der Berg-Außenstelle Whistler soll in München und den Satelliten Garmisch-Partenkirchen (Ski) und Berchtesgaden (Bob) ganz ähnlich umgesetzt werden. Für den deutschen Kandidaten sprechen im Dreikampf mit der französischen Kleinstadt Annecy und der koreanischen Retortenstation Pyoeng-chang, deren Bewerbung vom koreanischen Elektronikgiganten und IOC-Topsponsor Samsung befeuert wird: Affinität zum Wintersport, die bei den Sommerspielen 1972 und den Fußballweltmeisterschaften 1974 und 2006 bewiesene Begeisterungsfähigkeit, eine vom Lokalpatriotismus nicht negativ beeinflusste Gastfreundschaft. Und die Partyszene.

Autor:  Reinhard Sogl
Datum:  1 | 3 | 2010
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