kalaydo.de Anzeigen

Leitartikel: Piraten - Kinder von Marx und Microsoft

Obwohl das Internet die Vision einer neuen, gerechteren Welt beflügelt, erkennen die Piraten – nicht Linke oder Grüne – als Erste die politischen Potenziale des Netzes.

Die Piratenpartei sollte man ernst nehmen, findet Harald Jähner.
Die Piratenpartei sollte man ernst nehmen, findet Harald Jähner.
Foto: dapd

Aus dem Stand fast neun Prozent Wählerstimmen für die Piratenpartei! Mehr Sitze im künftigen Abgeordnetenhaus als ernsthafte Anwärter vorhanden! Wer da nicht „Ist ja irre!“ ausgerufen hat, wird wohl auch nicht überrascht sein, wenn seine Frau plötzlich drei Meter groß geworden ist.

Nun kann man sich fragen: Was ist das für eine unernste Stadt, die neun Prozent ihrer Stimmen solchen Anfängern gibt? Kann denn noch ein Spaß genannt werden, was man jetzt fünf Jahre lang ernst nehmen muss? Ja, man sollte es ernst nehmen und hätte es viel früher tun müssen aufseiten der Linken und Grünen. Obwohl das Internet von Beginn an geradezu romantische Visionen einer neuen, gerechteren Welt beflügelt hat, haben sich Linke und Grüne nie mit den politischen Potenzialen des Netzes beschäftigt. Wissen für alle ist Macht für alle – solche Parolen überließen sie obskuren Hackern. Die Piraten dagegen sind Kinder von Marx und Microsoft, die sich von beiden zu emanzipieren versuchen. Es ist die einzige Partei, die auf das Faszinosum des Internets eine andere politische Antwort hat als Misstrauen und Kontrollbedürfnis. Ihr fulminanter Erfolg rührt daher, dass sie die euphorischen Gesellschaftserfahrungen, die viele mit dem Internet machen, in ein, wenn auch diffuses, politisches Programm überführen.

In ihrem Namen führt die Partei den etwas kindischen Kern ihres Programms: im Weltmeer des Internets nach Belieben jagen zu können und Beute zu machen ohne zu bezahlen. So wie das Meer mitsamt allem, was darauf herumschwimmt, in Piratenaugen für alle da ist, die gut fechten können, erscheint vielen heute das Internet. Man hat sich daran gewöhnt, gratis herunterzuladen, was den Produzenten viel Mühe, Zeit und Geld gekostet hat. Vielen wird es schlicht geraubt, andere geben freiwillig ihr Wissen und ihre Arbeit her, wie etwas die rund 10.000 Wikipedianer, die sich intensiv um die Pflege dieses Netz-Lexikons kümmern. Sie folgen wie unzählige andere dem sozialen Lockruf des Netzes, wo eine egalitäre Gesellschaft erstaunlicherweise vor allem eins macht: Spaß.

Share, das englische Wort für Teilen, ist eines der am häufigsten gebrauchten Worte der Netz-Euphoriker. Sie teilen ihr Wissen, ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen mit schlechten und guten Hotels, ihre Film- und ihre Plattensammlung. Sie teilen ihre Vorlieben und Abneigungen, ihren Zorn, ihren Spott, ihre Wünsche für ein gutes Leben. Communities, soziale Netzwerke, Freunde – das digitale Netz steckt voller sozialer Idyllen, die zu den realen Geschäftsverhältnissen dort schlecht passen.

Für Rot-Grün

Bildergalerie ( 3 Bilder )

Stimmen und Reaktionen zur Berlin-Wahl

Bildergalerie ( 15 Bilder )
Mehr dazu

Das Netz stellt aber ein neues, natürlich auch trügerisches Gefühl für Gemeinschaft her, dass nicht nur auf Ägypten und den Iran Auswirkungen hat, sondern auch auf das politische Leben hier. Stuttgart 21 war ein Fixpunkt dieser allmählichen Wandlung im Verhältnis von Bürger und Politik, der Erfolg der Piratenpartei wird es ebenfalls sein.

Beim Herunterladen von Filmen und Musik, der modernen Urszene des Piratentums, geraten Massen von Jugendlichen mit dem Gesetz in Konflikt, nicht weil sie an einem Übermaß an krimineller Energie leiden, sondern weil die Technik es sinnvoll erscheinen lässt. Mit dem illegalen Verkoppeln ihrer Rechner zu Tauschbörsen praktizieren die Downloader eine Art technologischen Kommunismus: Sie schließen die Festplatten ihrer PCs zu einem gesellschaftlichen Mega-Archiv zusammen, bei dem jeder Teilnehmer zugleich nimmt und gibt.

Munter wechseln die Datenströme hin und her; jeder ist Sender und Empfänger zugleich, Teilnehmer und Nutzer des potenziell schlauesten Archivs der Welt. Der Nachteil: es passt nicht in die herrschenden Eigentumsverhältnisse, entlohnt nicht die Urheber geistigen Eigentums und ist deshalb komplett illegal.

Wie aufregend müsste es für die traditionelle Linke sein, sich diesem Phänomen zu widmen: Die Technik übersteigt den Begriff des Privateigentums! Karl Marx hätte seine helle Freude an dem Phänomen gehabt. Bei den Linken von heute herrscht dagegen Desinteresse an grundsätzlichen Fragen: Sie haben das Feld den Piraten überlassen und raufen sich nun die grauen Haare.

Die Piraten haben noch das Privileg der Kinder, an ihren Fragen gemessen zu werden, nicht an ihren Antworten. Wie die Künstler, Verleger und Autoren gerecht entlohnt werden sollen, wenn das Kopieren ihrer Werke wirklich jedem kostenlos freisteht, dafür haben sie keine ausgereiften, nur pauschale Vorstellungen. Aber sie stellen anhand der neuesten Technik unbefangen sehr alte Fragen, die den Erwachsenen nach dem Zusammenbruch des Sozialismus über so viele quälende Stufen peinlich geworden sind. Ihren Wählern sind sie es nicht.

Autor:  Harald Jähner
Datum:  20 | 9 | 2011
Kommentare:  12
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Neuste Bildergalerien Politik
Bundeskanzlerin Angela Merkel während der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt: «Ich bitte Sie um Verzeihung». Sie verspricht eine umfassende Aufklärung der beispiellosen Verbrechen. Foto: Hannibal
Merkel bittet Neonazi-Opfer um Verzeihung
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt am Donnerstag (23.02.2012) im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin. Damit sollten die zehn Menschen geehrt werden, die zwischen 2000 bis 2006 von Mitgliedern der Neonazi-Zelle NSU getötet wurden.
Gedenken der Nazi-Opfer
Georg Schramm möchte nicht Bundespräsident werden. Schade! Denn erstens...
Hebels nölende Wochenschau (23.02.2012)
Das Foyer der Frankfurter Rundschau ist am Dienstagabend prall gefüllt. Selbst vor der Tür drängen sich noch Menschen,...
OB-Kandidaten bei der FR-Diskussion
Bierkrüge mit dem CSU-Logo bei der Veranstaltung der CSU in Passau. Foto: Stephan Jansen
Schlagabtausch am Aschermittwoch
Jemeniten stehen in einer Warteschlange vor einem Wahllokal in der Hauptstadt Sanaa. Foto: Yahya Arhab
Tote bei Präsidentenwahl im Jemen
Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (247 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?