Desertec soll kommen. Das ist eine gute Nachricht. Erstmals haben Stromkonzerne, Kraftwerksbauer und Banken sich auf die Vision einer solar gestützten Stromversorgung für Europa verpflichtet. Wer das vor zehn Jahren vorausgesagt hätte, der wäre wohl zum Arzt geschickt worden. Desertec, das Projekt Sahara-Strom für Europa, ist, wenn es kommt, zwar noch nicht automatisch der Durchbruch zu einem klimafreundlichen Energiesystem, aber es zeigt doch: Aus der einst belächelten "Alternativenergie" ist ein ernsthafter Mitspieler geworden, an dem auch die großen Konzerne nicht mehr vorbeikommen.
Um die Sache richtig zu bewerten, muss man wissen: Desertec ist viel mehr als Wüstenstrom für unsere Steckdosen. Es geht langfristig um den Aufbau eines neuartigen Elektrizitäts-Verbundnetzes von Nordafrika und dem Nahen Osten bis nach Nordeuropa, das verschiedene erneuerbare Energien - wie Sonne, Wind, Biomasse und Geothermie - miteinander koppelt. Die günstigsten Standorte für die jeweiligen Anlagen können genutzt und der Ökostrom kann ohne große Verluste zu den Verbrauchszentren in den Ballungsräumen übertragen werden. Er wird damit "grundlastfähig", das heißt: Er ist kein additiver grüner Saft mehr, sondern kann Zug um Zug die Rund-um- die-Uhr-Versorgung von Industriegesellschaften übernehmen. Das ist durchaus ein Quantensprung. Der Sprung in eine neue Energieebene.
Der Umbau, der im Energiesystem ansteht, ist, von den technologischen Ambitionen her, zu Recht mit dem Apollo-Programm der Amerikaner verglichen worden. Das nun anstehende Projekt "Sonnen-Landung" aber ist bedeutend wichtiger, es ist ungleich komplexer, weil viele Regierungen zusammenarbeiten müssen, und es erfordert größere Investitionen. Wenn jetzt dazu der Startschuss gegeben wird, ist das nur zu begrüßen. Die Europäer könnten zeigen, dass sie die Technologie für eine globale Energiewende und das politische Konzept für eine Zusammenarbeit der Kulturen statt des angeblich unausweichlichen "clash of cultures" haben. Es wäre ein Vorbild für den Rest der Welt.
Zu viel Jubel? Ein bisschen Euphorie-Bremse tut natürlich immer gut. Der Realitätstest ist notwendig. Doch gerade beim grünen Vorreiter Deutschland hob nach dem ersten Desertec-Hype vor drei Wochen eine kleinkrämerisch anmutende Debatte über das Projekt an. Es ging und geht um die Frage: Gibt es guten und bösen Solarstrom? Ist grüne Elektrizität nur gut, wenn sie vom heimischen Dach kommt, und schlecht, wenn sie aus der Sahara über eine 2000 Kilometer lange Hochspannungsleitung in unsere Steckdosen fließt?
Greenpeace, das ist bemerkenswert, weil nicht des Konzernlobbyismus verdächtig, steht grundsätzlich hinter Desertec. Doch altgediente "Solarpäpste" wie der SPD-Umweltpolitiker Hermann Scheer und der Publizist Franz Alt sowie Unternehmer wie Solarworld-Chef Frank Asbeck lehnen das Projekt ab oder machen zumindest große Fragezeichen. Desertec könne eine "Fata Morgana" werden, führe Europa in eine neue Energieabhängigkeit, tauge allenfalls zur Versorgung der nordafrikanischen Metropolen - und werde von den Konzernen dazu benutzt, den Ausbau erneuerbarer Energien hierzulande zu behindern.
Das Desertec-Konzept dazu ist alt, Insidern längst bekannt. Es gab kaum negative Stimmen. Doch nun, da Energieversorger, Kraftwerksbauer und Banken dem Plan ernsthaft nähertreten, die Sahara-Sonne anzuzapfen, zerstreiten sich die Solar-Anhänger, anstatt die Chance zu erkennen. Natürlich sind Eon, RWE und Siemens keine Graswurzelunternehmen und auch nicht per se ökologisch. Sie verdienen an Atomkraft und Kohlestrom. Doch je mehr "Sahara" ins Netz fließt, desto leichter wird es, die Atom- und Kohlekraftwerke abzuschalten.
Und den deutschen Solarfans bleibt der Trost, dass Desertec ihnen wahrhaft genug Luft zum Leben lässt: Bis 2050 könnten 17 Prozent des Stroms aus der Wüste kommen, rechnen die potenziellen Betreiber vor. Bleiben 83 Prozent für andere Stromquellen.
Die Konkurrenz um die Energiezukunft ist mit dem Sahara-Projekt offiziell eingeläutet. Es steht Alt gegen Neu. Schon warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel, Desertec dürfe nicht als Entschuldigung dafür dienen, in Deutschland keine Braunkohlekraftwerke mehr zu bauen. Doch genau das wird passieren, wenn der grüne Strom sich durchsetzt.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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