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Leitartikel: Raus aus der Deckung

Der Volkssport Lehrerschelte trifft eine verunsicherte Berufsgruppe - dabei sind Pädagogen besser als ihr Ruf. Sie sollten ihre Qualität selbstbewusst in die Waagschale werfen. Von Katja Irle

Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Fragt man Eltern nach ihren Ansprüchen an die Lehrer, dann erzählen sie mitunter von der eierlegenden Wollmilchsau: Sie sollen Kinder fördern, aber bitte nicht überfordern. Sie sollen sie auf den Beruf vorbereiten, aber keine Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft sein. Sie sollen autonom und kreativ sein, aber sich an den Lehrplan halten. Sie sollen Benachteiligte integrieren und gleichzeitig Hochbegabte fördern. Können sie das? Sie können nicht nur, sie müssen.

Die Ergebnisse der neuen Allensbach-Umfrage mögen auf den ersten Blick wie ein Wunschkonzert daherkommen. Berechtigt sind die Anliegen der Befragten aber allemal. Niemand muss sich damit abfinden, dass permanent Unterricht ausfällt. Jedes Kind hat ein Recht darauf, als Individuum und nicht bloß als Teil einer Klasse wahrgenommen zu werden, die auf das Lernziel hingetrimmt wird. Und die Eltern dürfen auch erwarten, dass sie zu Hause nicht jeden Nachmittag den Hilfslehrer spielen müssen, weil sonst die Versetzung gefährdet ist.

Alle Schuld bei den Lehrern also? Natürlich nicht. Das Problem beim Volkssport Pädagogenschelte ist, dass die Mischung aus berechtigten Ansprüchen, überzogenen Forderungen und unsinnigen Pauschalurteilen auf eine zutiefst verunsicherte Berufsgruppe trifft. Bei vielen Lehrern entfaltet das Pawlow'sche Prinzip seine Wirkung: Die Verteidigung des eigenen Berufsstandes ist zum konditionierten Reflex geworden - zuletzt zu beobachten nach dem ebenso unsinnigen wie hilflosen Vorschlag von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU), Manager als Hilfslehrer in die Schulen zu schicken.

Dabei müssten Lehrer gar nicht den getroffenen Hund geben, sondern könnten sich selbstbewusst aus der Deckung wagen. In den Allensbacher Berufsprestige-Ranglisten rangieren zumindest die Grundschullehrer seit Jahren auf den vorderen Plätzen, gleich hinter dem Pfarrer und dem Professor - und natürlich weit, weit vor den Journalisten. Das trifft sich mit den aktuellen Aussagen der von Allensbach Befragten: Sie halten die Pädagogen zwar ganz allgemein für überfordert, selbstmitleidig und wenig kritikfähig. Fragt man aber Eltern ganz konkret nach den Lehrern ihrer Kinder, ergibt sich ein viel positiveres Bild. Die Lehrer sind besser als ihr Ruf.

"Keep cool", möchte man also den Pädagogen zurufen, wenn mal wieder ein neues Lehrerhasserbuch auf den Markt kommt und Auflage macht. Voraussetzung dafür wäre ein souveräner Umgang mit der eigenen Profession und die Überzeugung, das Richtige zu tun. Doch genau davon sind viele Lehrer meilenweit entfernt. Schon an der Universität erfahren die angehenden Pädagogen, dass sie von Professoren als Studenten zweiter Klasse wahrgenommen werden. "Sie sind doch begabt, warum machen sie nur Lehramt?", fragt der Dozent, der Pädagogik schlicht für Zeitverschwendung hält.

Andererseits beschleicht einen bei manchen Pädagogen in der Ausbildung der Verdacht, dass sie in den Beruf reinstolpern, statt zielgerichtet zu schreiten. Klare Vorgaben (warum nicht auch ein Eignungstest) schon zu Beginn des Studiums und mehr Praxis in der Lehramtsausbildung könnten solche Zufalls-Lehrer verhindern. Doch bisher fehlt den meisten Bundesländern Geld und Mut, um die Ausbildung radikal umzukrempeln. An eine vom Bund gesteuerte Lösung ist seit der Föderalismusreform nicht mehr zu denken.

Da der Staat nicht handelt, beginnt der Markt, die Sache zu regeln. Vertraut man den Prognosen, dann werden bis zum Jahr 2015 rund 250 000 Lehrer in den Ruhestand gehen. Für Fächer wie Mathematik oder Physik gibt es schon jetzt kaum Nachwuchslehrer.

Deshalb haben einige Bundesländer damit begonnen, sich gegenseitig die Lehrer abzuwerben. In Berlin drohen junge Pädagogen unverhohlen: "Verbeamtung Jetzt!" - oder wir gehen.

Sollen sie doch. Zwar ist Schule kein Unternehmen und Rahmenrichtlinien müssen dafür sorgen, dass finanzschwache Bundesländer nicht generell das Nachsehen haben. Aber es spricht nichts dagegen, wenn Lehrer ihren Marktwert testen, verhandeln, ihre Qualität dabei in die Waagschale werfen und auch riskieren, bei schlechter Leistung abgestraft oder gar entlassen zu werden. Die ungerechte Bezahlung der Lehrer nach Schulform wäre damit auch obsolet - und die Suche nach den Besten auf eine neue Basis gestellt.

Autor:  KATJA IRLE
Datum:  27 | 3 | 2009
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