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Leitartikel: Reformiert Euch!

Walter Mixa hat mit seiner Ignoranz die Bischofskonferenz vor zusätzliche Probleme gestellt. Sie muss endlich schlüssig erläutern, wie sie sexuellen Missbrauch künftig verhindern will. Von Joachim Frank

Joachim Frank ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Joachim Frank ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR/Kraus

Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt. Was Marcel Duchamp einst hintersinnig formulierte, wirkt für die katholische Kirche in der grobschlächtigen Version eines Bischof Mixa problemverschärfend. Da melden sich binnen kürzester Zeit mehr als 100 Opfer aus ganz Deutschland bei der Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue. Doch der Augsburger Bischof mag sturheil kein strukturelles Versagen seiner Kirche erkennen. Im Gegenteil: Schuld an allem ist eigentlich die sexuelle Libertinage der 68er.

Dieses Abwiegeln und Verdrängen ist so frappant ignorant, dass Mixa damit gegen seinen Willen den Handlungsdruck auf die Bischöfe deutlich erhöht. Wer in der Kirche noch bei Trost ist, wird sich nicht mit Mixa gemein machen wollen, auch wenn der eine oder andere Bischof ähnlich denken und die derzeitige Kritik an der Kirche für einseitig oder übertrieben halten mag. Zu solcher Selbstberuhigung besteht freilich umso weniger Anlass, als jetzt jeden Tag neue Opfergeschichten bekannt werden, die immer demselben Schema folgen: Die Täter - nach Expertenangaben jeder 25. Kleriker - nutzen ihre Vertrauensstellung als Seelsorger niederträchtig aus. Mit dem klerikalen Keuschheitsideal umgeben sie sich wie mit einem Tarnumhang. All das sind hausgemachte Phänomene, die sich eben nicht mit einem schludrigen "In den Familien ist es doch noch viel schlimmer" wegwischen lassen. Zumal keine andere Institution mit einem derart geschlossenen, ja obsessiven Regelwerk zur Sexualität aufwartet wie die katholische Kirche mit der Moralverkündigung an ihre Gläubigen.

Die Bischofskonferenz wird sich deshalb auf ihrer Vollversammlung in der kommenden Woche nicht mit einem beruhigenden Hinweis auf ihre "Leitlinien" zum Vorgehen in Missbrauchsfällen aus der Affäre ziehen können. Das Papier von 2002 entstand in der Folge der großen Missbrauchsskandale in den USA, gegen die der damalige Papst Johannes Paul II. den eisernen Besen schwang. Die Bischöfe ihrerseits haben auf sechs Seiten eine Art Konstruktionsplan für ihre deutsche Kirchenkehrmaschine verfasst. Detailliert ist darin beschrieben, wer in der kirchlichen Hierarchie wie zu reagieren hat, wenn ein Missbrauchsverdacht auf Geistliche fällt oder diese angezeigt werden. Geregelt sind kirchliche Strafen für die Täter ebenso wie die Information des Vatikans, der Justiz und der Öffentlichkeit.

Dagegen stellen die Bischöfe nicht einmal andeutungsweise die Frage, in welchem Zusammenhang die Missbrauchsfälle mit der katholischen Sexualmoral und speziell dem Zölibat als Zulassungsbedingung für das geistliche Amt stehen. Zum drängenden Thema der Prävention finden sich nur drei lose aneinandergefügte Absätze, die unter anderem empfehlen, "vertrauliche Berührungen" von Kindern und Jugendlichen zu meiden. Ganze fünf Zeilen handeln den wunden Punkt ab, in den Papst Benedikt XVI. höchstpersönlich vor wenigen Tagen den Finger gelegt hat: die Aus- und Fortbildung der Geistlichen. Diese "thematisiert im Rahmen der allgemeinen Persönlichkeitsbildung die Auseinandersetzung mit Fragen und Problemen der Sexualität, vermittelt Kenntnisse über Anzeichen sexuellen Fehlverhaltens und gibt Hilfen für den Umgang mit der eigenen Sexualität", heißt es dazu in den Leitlinien.

Wenn die Bischöfe ihr Bürokraten-Deutsch mit Leben füllen wollen, müssen sie in ihren Ausbildungsstätten verstärkt Fachpersonal einsetzen, das nicht die "Berufung" zum Priestertum, sondern das menschliche Format der Kandidaten abklopft und damit nicht zuletzt späteren sexuellen Missbrauch verhindern hilft. Einen Mangel an (sexueller) Reife und Selbstreflexion unter Seminaristen und Priestern beklagen selbst deren Ausbilder seit langem. Vielen Theologen dagegen erscheint die ganze "Psychokacke" als peinlich, lästig oder überflüssig. Das müssen die Bischöfe ändern - aus Sorge um die potenziellen Opfer, aber auch im Interesse der Kirche.

Ändern muss sich auch das Regime der kirchlichen "Beauftragten". In der Hälfte aller Bistümer fungieren Hierarchen wie zum Beispiel Personalchefs oder Juristen als Ansprechpartner für die Opfer von Missbrauch, als interne Ermittler und als Nahtstelle zu den staatlichen Behörden. Die unvermeidliche Doppelrolle erschwert Opfern den Zugang und schadet der Sache. Unabhängige Aufklärung braucht externe Aufklärer.

Solche Mindeststandards sollten selbst einem Bischof Mixa beizubringen sein. Auch wenn es für ihn kein Problem gibt.

Autor:  Joachim Frank
Datum:  19 | 2 | 2010
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