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03. September 2012

Leitartikel: Rente - was ist das?

 Von Anne Vorbringer
"denn eins ist sicher: Die Rente". Norbert Blüm und sein Versprechen. Foto: dpa

Die Vorschläge zur Zuschussrente gehen für viele Menschen an der Realität vorbei. Viele haben nach den Ausgaben für Miete, Haftpflicht und Krankenversicherung nicht mehr genug Geld übrig für die Altersvorsorge – ob gesetzlich oder privat.

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Die Vorschläge zur Zuschussrente gehen für viele Menschen an der Realität vorbei. Viele haben nach den Ausgaben für Miete, Haftpflicht und Krankenversicherung nicht mehr genug Geld übrig für die Altersvorsorge – ob gesetzlich oder privat.

Es ist jetzt vier oder fünf Jahre her, da bekam ich zum ersten Mal Post von der Deutschen Rentenversicherung. Ich stand noch relativ am Anfang meiner Erwerbslaufbahn und empfing ein harmlos aussehendes Schreiben, formuliert in nüchternstem Amtsstübisch. Meine erste Renteninformation. Ihr Inhalt war alles andere als harmlos. Wenn ich weiter so wie bisher einzahle, hieß es da, erwarte mich am Ende meiner Arbeitsjahre ein mittlerer dreistelliger Betrag monatliche Altersrente. Genau weiß ich die Zahl nicht mehr. Ich habe sie verdrängt und den Brief nach ganz unten in den Postkorb geschoben. Dort kann er von mir aus vermodern. Ich will ihn nicht mehr sehen.

Die Rente ist ein Riesenthema in diesem Land. Norbert Blüm prägte einen berühmt gewordenen Satz, über den wahrscheinlich damals schon viele und heute alle lachen, und der gerne mit dem dazugehörigen Dialekt zitiert wird: Die Rente ist sischer. Jeder Arbeitsminister nach ihm befasste sich mit dem Thema, es wurde gerürupt und geriestert. Bei mir kam diese Diskussion nie an. Auch die aktuelle Debatte um Ursula von der Leyens Zuschussrente geht an mir vorbei.

Sicher liegt das auch daran, dass die Rente noch so weit weg ist. Aktuell reden wir von der Rente mit 67. Wenn ich 67 werde, schreiben wir das Jahr 2046. Bis dahin wird die Rente vielleicht wieder in D-Mark ausgezahlt oder in Drachmen, oder was weiß denn ich? Bis dahin bekomme ich noch die eine oder andere neue Renteninformation. Oder es gibt bis dahin eine einheitliche Grundrente für alle, weil die Piraten regieren oder die APPD, die anarchistische Pogo-Partei Deutschlands. Kann doch sein.

Der Hauptgrund für meine Rentenferne aber ist ein anderer. Immer, wenn die Rentendiskussion geführt wird, habe ich das Gefühl, da geht es nicht um mich. Da geht es um Angestellte, Menschen die ihr Leben lang – wenn auch wenig – einzahlen. Ich bin nicht angestellt, sondern gehöre zu den 1,2 Millionen Freiberuflern in Deutschland. Und man muss sagen, ich gehöre zu dem Teil, der noch Glück hat. Weil ich über die Künstlersozialkasse eine Altersvorsorge bekomme – und Eltern habe, die bei der privaten Vorsorge halfen, wenn die Auftragslage mal nicht so rosig war. Wenn es in Talkshows um die Rentenfrage geht, höre ich den Begriff Freiberufler oder Freelancer fast nie. Jedenfalls viel zu selten für 1,2 Millionen Menschen.

Vollzeit? Konstant? 2500 Euro?

Stattdessen lese ich über die Auswirkungen der Absenkung des Rentenniveaus von derzeit 51 auf 43 Prozent im Jahr 2030. Von der Leyen sagt: Um dann nach 35 Arbeitsjahren eine Rente zu bekommen, die über der Mindestsicherung liegt, müsse ein junger Mensch von heute an in Vollzeit und konstant monatlich 2500 Euro brutto verdienen. Vollzeit? Konstant? Für viele Freiberufler, die sich von Auftrag zu Auftrag, von Projekt zu Projekt hangeln, sind das Fremdwörter. Fangen wir gar nicht erst davon an, wie viele Selbstständige wohl 2500 Euro und mehr verdienen.

Dann also die Zuschussrente, die die Bezüge bis auf 850 Euro aufstocken soll. Wenn, und jetzt kommt die Einschränkung: Wenn der Rentner mindestens 40 Versicherungs- und 30 Beitragsjahre vorweisen kann. Ein Haken, der nicht ohne ist. Da sollte der Handwerksbetrieb aber bloß nicht pleitegehen, die sowieso schon magere Auftragslage für freischaffende Lektoren nur nicht noch magerer werden. Sonst war’s das mit der Zuschussrente.

Nun ist es nicht so, dass Frau von der Leyen gar keine Vorschläge zum Heer der Freiberufler und Selbstständigen gemacht hat. Das muss sie auch tun, immerhin ist nur eine Minderheit der 4,3 Millionen Selbstständigen hierzulande verpflichtet, sich abzusichern. Also plant das Arbeitsministerium: Wer vom großen Rest freiwillig kein Geld für die Rente anlegt, soll künftig dazu gezwungen werden. Bis zu 400 Euro im Monat sollen junge Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung abführen. Das klingt so, als zahlten Selbstständige bislang aus Daffke nicht in die Versicherungen ein. Als verprassten sie lieber das Geld, badeten in Champagner, scherten sich nicht um Altersarmut.

So ist es wohl kaum. Ich kenne genügend Leute, die nach den Ausgaben für Miete, Haftpflicht und Krankenversicherung einfach nicht mehr genug Geld übrig haben für die Altersvorsorge – ob gesetzlich oder privat. Sie würden gerne, können aber nicht. Von 400 Euro im Monat leben viele in den ersten Jahren ihrer Selbstständigkeit. Was also soll staatlicher Zwang nützen, wenn schlicht kein Geld übrig ist?

Wenn solche Ideen alles sind, was der Politik zur Absicherung von Freiberuflern einfällt, dann ist eines ganz sicher – die Rente wird mir fern und fremd bleiben. Und zwar bis zum Jahr 2046.

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