Zugegeben, die Medien neigen dazu, sich ausgiebig mit sich selbst zu beschäftigen. Und, ja, Chefredakteure sollten sich nicht zu wichtig nehmen. Sich selbst nicht und einander nicht. So weit der Grundsatz. Jetzt die Ausnahme: Nikolaus Brender, Chefredakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens. Um den Mann mit dem markanten Schnauzbart ist eine öffentliche Debatte entbrannt: Soll er bleiben? Muss er gehen? Gut, dass es die Debatte gibt. Erstens weil es um einen der profiliertesten deutschen Fernsehjournalisten geht. Zweitens weil der Fall Brender exemplarisch zeigt, wie das öffentlich-rechtliche System funktioniert. Ein abschreckendes Exempel.
Der Fall liegt etwa so: Brender wird auf der politischen Landkarte des Rundfunks als "Roter" verortet. So einer muss der ZDF-Chefredakteur sein, schon weil der Intendant ein Schwarzer ist. Übrigens heißt der Vorsitzende des ZDF-Verwaltungsrats, in dem über die leitenden Herrschaften entschieden wird, Kurt Beck. Ja, genau, Kurt Beck (rot!). Stellvertreter Becks in diesem Gremium ist ein gewisser Roland Koch (schwarz!). So geht das in unseren gebührenfinanzierten Anstalten, nicht nur auf der obersten Führungsebene. Also klingt es irgendwie plausibel, dass die Schwarzen, die beim ZDF die Mehrheit haben, den roten Chefredakteur loswerden wollen, während die Roten ihren roten Chefredakteur behalten wollen? Das wäre jetzt allerdings zu einfach.
Zum einen passt Nikolaus Brender nicht so recht ins Schema. Der Mann ist leidenschaftlicher Journalist, kein Parteisoldat. Vom bekannten zum berühmten Fernsehgesicht wurde er an jenem denkwürdigen Wahlabend, als ein mächtig gedopter Gerhard Schröder partout nicht einsehen wollte, dass er die Wahl verloren hatte. Brender demonstrierte, wie guter politischer Journalismus im Fernsehen geht: nicht rot, nicht schwarz, sondern unabhängig. Und selbstbewusst. Professionell eben.
Warum Roland Koch und die anderen Christdemokraten, Christsozialen und sonstigen Konservativen Brender loswerden wollen, obwohl der gar kein richtiger Partei-Roter ist, erschließt sich nicht wirklich. Niemand von ihnen erhebt den Anspruch, selbst den Nachfolger nominieren zu wollen - nein, es soll ruhig wieder ein Roter sein, weil ja die Schwarzen den Intendanten Koch erteilt dem ZDF-Chefredakteur dennoch öffentlich Noten, bemängelt sinkende Zuschauerzahlen bei der heute-Sendung, kritisiert das Auslandsjournal und den Länderspiegel. Das soll heißen: Brender wird abgelöst. Aber nicht wegen der Politik, sondern um der Sache willen.
Man könnte mit Roland Koch über die Sache reden, über Schwächen im Programm, über Sendeplätze, Nachrichten und Meinungen. Man könnte - wenn Roland Koch nicht Ministerpräsident von Hessen wäre. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll, so hat es das Verfassungsgericht mehrfach festgestellt, öffentlich sein, aber staatsfern. Das ZDF soll, wie andere Medien, informieren, unterhalten - und die Macht kontrollieren, nicht zuletzt die politische Macht. Als Mitglied des ZDF-Verwaltungsrats beruft und kontrolliert Koch also jene, die ihn kontrollieren. Koch repräsentiert den Staat. Wie könnte er staatsfern sein? Im Klartext: Roland Koch hat im Verwaltungsrat des ZDF nichts zu suchen. Kurt Beck natürlich auch nicht. Tatsache ist, dass sich die Politik diesen Sender, und nicht nur diesen, untertan gemacht hat. Wenn dann ein Chefredakteur nicht zum Untertanen taugt, muss er eben gehen.
In Frankreich hat sich Nicolas Sarkozy das Recht gewähren lassen, den Direktor des öffentlich-rechtlichen Fernsehverbundes France Télévisions persönlich zu ernennen. So etwas kannte man bisher nur von Putin. France 2, eine Art ZDF auf Französisch, wird also die Kreise des Präsidenten nicht mehr stören. Um Missverständnisse zu vermeiden: der Figaro auch nicht. Er gehört einem Freund des Präsidenten und buhlt wie andere Pariser Blätter um Anzeigen der Regierung. Der Macht auf den Knien zu begegnen, ist kein Privileg des öffentlichen-rechtlichen Fernsehens - weder in Frankreich noch in Deutschland.
Koch und Beck (und Seehofer und Rüttgers und die anderen Ministerpräsidenten) spielen auch gern ein bisschen Sarkozy, wenn nicht gleich Putin. Sie päppeln "ihre" Sender mit Gebühren - und lassen sich ihr Engagement mit Wohlgefallen honorieren. Nicht dass sie unbequemen Journalismus unterbinden wollten, ach was! Aber dieser Brender, der muss weg.
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