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Leitartikel: Schafft den Wehrdienst ab!

Die Pflichtzeit auf sechs Monate zu reduzieren, nutzt der Bundeswehr nichts. Und der Einsatz für die Gesellschaft lässt sich auch anders organisieren als mit dem Zivildienst. Von Andreas Schwarzkopf

Die Pflichtzeit auf sechs Monate zu reduzieren, nutzt der Bundeswehr nichts. Und der Einsatz für die Gesellschaft lässt sich auch anders organisieren als mit dem Zivildienst.
Die Pflichtzeit auf sechs Monate zu reduzieren, nutzt der Bundeswehr nichts. Und der Einsatz für die Gesellschaft lässt sich auch anders organisieren als mit dem Zivildienst.
Foto: rtr

Schwarz-Gelb hat bei der Wehrpflicht und dem damit verknüpften Zivildienst einen Befreiungsschlag verpasst. Statt beides endlich zu beenden, haben sich Merkel und Westerwelle dafür entschieden, den seit langem begonnenen Abschied noch zu verlängern. Das dient vielleicht dem Koalitionsfrieden; denn die Liberalen wollten wie SPD, Grüne und Linke den Wehrdienst und die damit verbundenen Nachteile wie Wehrungerechtigkeit abschaffen.

Doch die Kanzlerin hatte vor der Wahl das Gegenteil versprochen. Der Kompromiss der neuen Regierung lautet nun: Der Dienst wird von neun auf sechs Monate verkürzt. Das nutzt niemandem.

Andreas Schwarzkopf ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Andreas Schwarzkopf ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Der Wehrdienst wird im Grunde zu einer Beschäftigungstherapie reduziert. Der dreimonatigen Grund- folgt die ebenso lange Fachausbildung. Das war´s. Die jungen Männer können ihr erworbenes Wissen nicht weiter anwenden. Der Pflichtdienst wird noch unattraktiver. Ähnliches gilt für den Zivildienst.

Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang auch das Geschrei einiger Sozialverbände, wonach der verkürzte Zivildienst dem Ende des Abendlandes gleichkomme. Ihre Argumente stimmten bereits 1991 nicht, als die Dauer des sogenannten Ersatzdienstes von 20 auf 15 Monate verkürzt wurde, und sie waren falsch, als er im Jahr 2004 auf neun Monate schrumpfte.

Mehrere Fliegen mit einer Klappe

Richtig ist vielmehr, dass die meisten Verbände längst Zivis ersetzt haben - etwa durch Vollzeitarbeitskräfte, Mini-Jobber oder Freiwilligendienste. Warum sich die Verbände trotzdem beschweren? Es geht mal wieder ums Geld. Schließlich bekämen die Verbände wegen der kürzeren Zivi-Zeiten rund 170 Millionen Euro pro Jahr weniger. Dieses Geld sollte ruhig für ähnliche Zwecke ausgegeben werden wie bisher.

Aber muss es unbedingt für Zivis sein? Mit einem Teil der Summe ließen sich zusätzliche Stellen beim freiwilligen sozialen Jahr oder dem freiwilligen ökologischen Jahr schaffen. Hier ist der Andrang groß. Es zeigt sich, dass viel mehr junge Männer und Frauen dieses Angebot wahrnehmen wollen als dürfen.

An dieser Stelle hätte Schwarz-Gelb sich als zukunftsorientiert erweisen können. Ein solcher freiwilliger Dienst an der Gesellschaft für Frauen und Männer kann den gesetzlich vorgeschriebenen Wehrdienst für Männer mindestens teilweise ersetzen. Er ermöglicht es jungen Menschen, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie können sich nach der Schule und vor dem Beruf orientieren, können sich weiterbilden, ohne sich festlegen zu müssen, oder sich in einem konkreten Projekt für die Gesellschaft engagieren.

Das Nachwuchsproblem muss anders gelöst werden

Dieses Interesse ist bei Jugendlichen größer als vielfach angenommen. Stattdessen hält vor allem die Union am Auslaufmodell Wehrdienst mit rückwärtsgewandten Argumenten fest. Er müsse erhalten bleiben, weil sonst, so heißt es unter der Hand, nur noch Männer aus den untersten Schichten zur Bundeswehr kämen, auch um sich später als Zeit- oder Berufssoldat zu verpflichten. Der Pflichtdienst verankere die Truppe in der Gesellschaft, heißt es.

Das alles mögen Probleme sein, aber die Antwort darauf muss nicht Wehrdienst heißen. Der wurde in den 1950er Jahren vor allem eingeführt, um möglichst schnell viele junge Männer einziehen zu können. Inzwischen benötigt die Bundeswehr nicht mehr so viele Rekruten und muss deshalb nur noch auf einen Teil eines Jahrgangs zurückgreifen.

Damit aber ist die Auswahl willkürlich. Oder anders gesagt: Wer derzeit nicht zum Bund will, findet Mittel und Wege draußen zu bleiben. Das Nachwuchsproblem der Bundeswehr muss also anders gelöst werden. Es könnte vor und in Schulen mehr für den Job des Zeit- und Berufssoldaten geworben werden, den Schwarz-Gelb zusätzlich aufwerten sollte. Ein höheres Gehalt wäre dabei eine Möglichkeit, zusätzliche Ausbildungsgänge wären eine weitere. Und der Erfolg bei freiwillig länger dienenden Wehrdienstleistenden zeigt, dass auch eine Flexibilisierung der Dienstzeit ein Instrument sein kann.

Die Lösungsansätze für die vielen Schwierigkeiten, die ein Ende von Wehr- und Zivildienst mit sich bringen, sind also bereits vorhanden. Die neue Regierungskoalition aus Union und FDP hat aber leider die losen Enden nicht verbunden. Man wünscht sich, Schwarz-Gelb legte bei anderen, noch drängenderen Problemen wie Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit bessere Konzepte vor als beim Wehr- und Zivildienst. Wünschen ist in der Vor-Weihnachtszeit erlaubt.

Autor:  Andreas Schwarzkopf
Datum:  3 | 11 | 2009
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