Das Versprechen klingt reizvoll: Privat krankenversichert ab 55 Euro im Monat! Im Vergleich zur gesetzlichen Krankenkasse bis zu 80 Prozent sparen! Selbst die Rundum-Sorglos-Komfort-Tarife sind immer noch um mehr als die Hälfte billiger. Und dafür gibt es dann auch noch Luxusbehandlung in Arztpraxis und Krankenhaus. Nie mehr in der Schlange stehen, nie mehr monatelang auf einen Termin beim Orthopäden warten. Teure Brille, Spezialmassage, Chefarztbehandlung, Einzelzimmer - alles kein Problem.
Als junger Gutverdiener muss man schon starke Nerven haben, um den Verlockungen der Privaten Krankenversicherung (PKV) zu widerstehen. Oder aber man unterhält sich einmal mit einem älteren Privatpatienten, der schon die eine oder andere Krankheit hinter sich hat. Der kann dann von ständig steigenden Beiträgen berichten, von Schwierigkeiten mit der Erstattung von Behandlungskosten oder den Risikozuschlägen, die die Versicherer Kranken bei der Aufnahme berechnen. Und von den Problemen, seine Versicherung jemals wieder zu verlassen oder innerhalb des Vertrags in einen günstigeren Tarif zu wechseln. Nein, der Abschluss einer privaten Krankenversicherung ist kein Eintritt in ein Schlaraffenland, auch wenn die Anbieter das immer noch verheißen.
Die Zahl der Berichte über den Ärger der Kunden mit ihrer Assekuranz steigt. Sie zeigen, dass sich die Probleme bei den Versicherungen ballen. Das ist kein Wunder. Die großen Versprechungen, mit denen jene die Kunden ködern, führen eben auch zu einer Anspruchshaltung der Patienten. Ärzte, Kliniken und andere Anbieter machen da gerne mit. Wenn ein Privatpatient kommt, dann klingelt die Kasse. Jahrelang spielte Geld keine Rolle. Aber auf Dauer kann es eben nicht gutgehen, wenn jeder versucht, für sich so viel herauszuholen wie möglich. Und manche Privaten beginnen zu merken, dass eine älter werdende Kundschaft Geld kostet.
Das Modell der PKV fußt auf einer konsequenten Verweigerung von Solidarität. Nur wer mehr als 4162,50 Euro brutto im Monat (derzeitiger Stand) verdient, darf sich aus der gesetzlichen Kasse verabschieden. Die dort Gebliebenen können sehen, wie sie klarkommen und müssen auch noch hinnehmen, als Patienten zweiter Klasse behandelt zu werden. Wer eine Krankheit hat, muss bei den Privaten deutlich höhere Beiträge bezahlen, und wer älter wird, hat größere Päckchen zu tragen. Wer den sogenannten Basistarif wählt, den die Politik den Versicherern oktroyiert hat, ist unter Umständen schlechter gestellt als ein Kassenpatient und kann um medizinische Versorgung betteln.
Jahrzehntelang haben Politiker aus FDP und Union für eine umfassende Privatisierung des Gesundheitsschutzes geworben. Die gesetzlichen Krankenkassen wurden als Schmuddelkinder hingestellt mit monströsen Verwaltungen und gierigen Sozi-Bonzen an der Spitze. Die PKV stellten sie dagegen als das strahlende Vorbild hin, das schlanke Strukturen hat, besser wirtschaften kann und dabei für Kranke auch noch viel besser sorgt. Das stimmte nie, doch derzeit wird offensichtlich, wie matt dieser Stern ist.
Merkwürdigerweise redet keiner mehr darüber, aber es gibt eine Alternative zum Zwei-Klassen-System: die Bürgerversicherung. Besserverdiener könnten sich dann nicht länger aus der gesetzlichen Krankenversicherung verabschieden. Alle stehen damit für alle ein. Nicht nur auf Arbeitseinkommen würden Beiträge fällig, sondern auch auf Miet- oder Zinseinnahmen. Das System würde gerechter, die Einnahmebasis breiter. Es wäre auch Schluss mit dem Zwei-Klassen-System im Wartezimmer. Wenn Ärzte und Kliniken für alle die gleichen Honorare bekommen, ist es wirtschaftlich unsinnig, bestimmte Patienten den anderen vorzuziehen.
Nach der Wahlschlappe von SPD und Grünen ist die Bürgerversicherung leider fast völlig aus der politischen Debatte verschwunden. Es geht nur noch um die Frage: Kopfpauschale, ja oder nein? Diesen Streit trägt die Koalition unter sich aus.
Doch vielleicht kommt sie ja heimlich, die Bürgerversicherung, vielleicht ist die Krise der Privaten ja der erste Schritt dahin. Denn die Horrormeldungen werden viele, die mit einem Abschied aus dem gesetzlichen System liebäugeln, nachdenklich machen. Privatpatient zu sein, muss sich nicht lohnen. Im Gegenteil: Es kann sehr teuer werden. Und das ist eine prima Werbung für die Krankenkassen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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