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Leitartikel: Schluss mit dem Altersstarrsinn

Rente mit 69, Führerscheinentzug mit 70? Ein flexibler Umgang mit dem Alter trägt der Lebenswirklichkeit eher Rechnung und ist eine Chance für die Gesellschaft. Von Vera Gaserow

Vera Gaserow ist Korrespondentin der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Vera Gaserow ist Korrespondentin der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

Wie alt darf ein Mensch sein? Wie alt muss er sein? Falsche Fragen? Gibt es nicht. Allenfalls falsche Antworten. Es darf also kreuz und quer diskutiert werden. Und auch so schrill wie vergangene Woche. Ein 79-Jähriger rast mit dem Auto in einen Schützenumzug - und Deutschland hat seine "Fahrverbot für Rentner"-Debatte. Die Bundesbank spekuliert über die Bezahlbarkeit der Alterssicherung - und es herrscht helle Aufregung über die Rente mit 69. Der Arbeitsminister aber will die Altersteilzeit verlängern, also die Frühverrentung begünstigen. Mal sind die Alten zu alt. Mal sind sie jung. Sie können es uns einfach nicht recht machen! Und perfide daran ist: das wird auch so bleiben.

Denn die Aufreger-Debatten über Führerscheinentzug für Senioren und Rente mit 69 werden zwar so fix wieder im Sommerloch verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Aber das Problem dahinter wird bleiben. Wenn es ums Alter geht, haben weder Gesellschaft noch Politik einen Kompass. Wir irrlichtern schon bei der Definition herum, wann es beginnt. Wer über 50 ist, ist zu vergreist fürs Blutspenden, aber Marathonlaufen in der Oldie-Class geht noch mit 70 bestens. Den Seniorenteller gibt’s beim ersten Silberhaar, die Seniorenbahncard mit 60, die Rente aber immer später. Mit 100 darf man theoretisch noch Staat und Regierung lenken. Beim Autosteuern dagegen, meinen einige, muss mit 70 Schluss sein.

So geht es munter durcheinander in der Debatte. Dabei müssten wir längst schlauer sein.Unsere Gesellschaft altert, so stark wie auf dem Globus kaum eine zweite. Aber es gibt keine gesellschaftliche Verständigung, kein gemeinsames Bewusstsein und schon gar kein Rezept für den Umgang mit Alter. Wir sind hin und her gerissen zwischen Werbefotos von silberlockigen Kreuzfahrern und dem realem Pflegenotstand bei dementen Großeltern. In der existierenden Widersprüchlichkeit produzieren wir mit gutmeinender Gleichheit vor dem numerischen Alter allergrößte Ungerechtigkeit. Denn in keiner anderen Lebensphase ist ein und dieselbe Generation so verschieden wie auf ihre alten Tage.

Viel Unterschiedliches aus dem vorherigen Leben potenziert sich. Armut, krankmachende Arbeit, schlechte Ernährung, ungesunder Lebenswandel - die klassischen Altmacher fordern Tribut. Selbst, wo soziale Faktoren überlistet werden können, funkt oft genug Kommissar Schicksal mit Unfällen oder Krankheit dazwischen. Und stärker als in den Lebensphasen zuvor schlägt jetzt die Stunde der Gene. Ob jemand mit 61 an Alzheimer erkrankt oder mit 86 noch fit für den Pilotenschein ist, entzieht sich selbst im gleichen sozialen Umfeld eigenem Einfluss.

In der Kindheit gibt eine einheitliche Vorgabe für Schulreife. In der Jugend einen Stichtag der Mündigkeit für Lebensentscheidungen. Aber Alter ist ungerecht. Die Menschen altern so verschieden, dass sich eigentlich jede starre Einstufung verbietet. Vor allem die einheitliche Festlegung eines Zeitpunkts für den Renteneintritt wird umso ungerechter je höher er heraufgeschraubt wird. Die einen erreichen ihn nie, weil sie schon zehn Jahre zuvor aus dem Berufsleben katapultiert wurden. Den anderen kommt er viel zu früh. Doch egal ob Zwangsruheständler oder notgedrungener Mini-Frührentner - gemeinschaftlich wird der Sozialversicherungskuchen verfrühstückt.

Gewiss, es ist nicht leicht umzugehen mit dieser vertrackten Disparität des Alters. In vielen Bereichen können wir auch aus Gründen der individuellen und politischen Planungssicherheit nicht gänzlich auf klar definierte Altersgrenzen verzichten. Aber das legitimiert keine Denkfaulheit bei der Suche nach intelligenten anderen Modellen. Wir müssten endlich einen Begriff bekommen von der Unterschiedlichkeit in dieser Lebensphase. Wir müssten darüber reden, wie stärkere Flexibilität und gewollte Ungleichheit die soziale und individuelle Ungerechtigkeit des Alters ausgleichen können, auch innerhalb der betroffenen Generation selbst. Ganz zu schweigen davon, welche Chancen ein flexibler Umgang mit dem Alter der ganzen Gesellschaft gerade in der Zukunft bietet.

Ein Abschied von starren Altersgrenzen und -definitionen könnte dann auch die Augen für ein neues Problem öffnen. Körperliche Fitness ist keine Altersfrage : Ein Teil der heranwachsenden Generation wird dank Bewegungsmangels und falscher Ernährung mit 35 Jahren physisch älter sein als manch doppelt so "Alter" von heute.

Autor:  Vera Gaserow
Datum:  26 | 7 | 2009
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