Sechzehn Kultusminister verlieren nach der Bundestagswahl ihren Job. Zumindest werden sie degradiert; denn künftig bestimmt Berlin den Kurs in der Bildungspolitik. Dann wird es von München bis Kiel ein einheitliches Schulsystem geben. Ein Scherz in den Sommerferien? Nein: So könnte das deutsche Bildungssystem aussehen, wenn Mütter und Väter die Wahl hätten.
Je näher das Ferienende rückt, desto größer wird der Überdruss an einer Institution, die das Leben von Familien prägt wie kaum ein anderer Faktor. Künftige Viertklässler büffeln, damit sie im neuen Schuljahr die ersehnte Gymnasialempfehlung bekommen. Berufstätige Eltern suchen verzweifelt einen Hortplatz, damit ihre Kinder nach der Schule betreut sind. Wer während der Ferien von Hamburg nach München zieht, fühlt sich - bildungstechnisch gesehen - auf einen anderen Stern versetzt.
Laut einer Forsa-Umfrage ist Bildung inklusive einer guten Betreuung das Top-Thema bei den Eltern in Deutschland. Sie ist es auch im Wahlprogramm aller Bundesparteien; denn mit Bildungspolitik kann man Stimmen gewinnen. Doch die Vorstellungen der einen haben mit denen der anderen nur wenig zu tun. Das könnte daran liegen, dass Eltern im Kleinen denken (nämlich an Kindergarten und Schule) und Politiker im Großen (nämlich an Pisa, Bildungsstandards und Schulabbrecher, die später als Arbeitslose die Sozialsysteme belasten). In Wahrheit blicken die Familien aber weit über ihren Tellerrand hinaus. 91 Prozent der Eltern sind der Meinung, dass Bildungsföderalismus großer Murks ist und abgeschafft gehört. Fast alle Umfragen zu diesem Thema laufen seit Jahren auf eine Forderung hinaus: Schafft einheitliche Lernbedingungen!
Die Kulturhoheit der Länder hat diese Ziel schon immer behindert, doch seit der Föderalismusreform im Jahr 2006, nach der die große Koalition das Wort "Bund" aus dem Bildungsministerium eigentlich hätte streichen müssen, ist die Allmacht der Länderfürsten in Zement gegossen. Angetrieben von den schlechten Pisa-Ergebnissen kocht jeder sein eigenes Reformsüppchen, und die Kultusministerkonferenz gibt lediglich die Rezeptsammlung heraus. Ob´s bekommt, testet man am lebenden Objekt. Schüler: Friss oder geh ab!
Für den Bund ist lediglich ein bisschen Forschungsförderung und die duale Ausbildung geblieben. Direkte Finanzhilfen für Schulen? Fehlanzeige! Eine Neuauflage des Ganztagsschulprogramms ist heute kaum noch möglich, dabei bräuchte das deutsche Schulsystem es dringend.
Das hat auch die SPD erkannt, und verspricht, nach ihrem Sündenfall vor drei Jahren das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern wieder aufzuheben. Bloß mit wem? Die Umfragen sehen bisher keine Chance für eine linke Mehrheit. Mit Union und FDP ist selbst ein moderater Bildungszentralismus nicht zu machen. Sie reden dem Wettbewerbsföderalismus das Wort. Er erschöpft sich zurzeit darin, dass die Länder einander die Lehrer abwerben.
Dabei führt die grenzenlose Autonomie das Ziel der Bildungsgerechtigkeit ad absurdum. Beispiel Verbeamtung: Die schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat gerade das Alter für die Verbeamtung von Pädagogen auf 40 Jahre heraufgesetzt, während Berlin und Mecklenburg-Vorpommern Angestelltenverträge vergeben - und damit bei Einstellungen das Nachsehen haben. Beispiel Schulpsychologen: Sie sollen benachteiligten Schülern helfen, doch ob sie es tun, hängt vom Wohnort ab. Hamburger Eltern haben Glück, dort betreut laut Statistik ein Fachmann rund 5400 Kinder. Pech für Mädchen und Jungen in Niedersachsen, wo auf einen Psychologen mehr als 26000 Schüler kommen. Beispiel Vereinbarkeit von Familie und Beruf: In Westdeutschland gibt es nur für rund drei Prozent der Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz, im Osten sind es 37 Prozent. Gleichwertige Lebensverhältnisse sehen anders aus.
Ein zentral gesteuertes System würde aus diesem deutschen Bildungs-Potpourri noch lange kein Idealmodell schaffen, das glauben selbst die Eltern nicht. Aber es ist höchste Zeit, das der Bund wieder inhaltliche Vorgaben machen darf, für einheitliche Rahmenbedingungen kämpft und mit den Ländern eine gerechtere Bildungs- und Betreuungsfinanzierung auf die Beine stellt. Arbeitslos würde das die 16 Kultusminister nicht machen. Aber sie würden ihre Energie auf sinnvolle Kooperationen verwenden statt auf autonomes Durchwurschteln.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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