Ein bisschen komisch ist das schon. Die Sikhs sind im Rat der Religionen stärker vertreten als die evangelische Kirche. Nur wenn man die Vertreterin der ausländischen evangelischen Gemeinden dazuzählt, besteht zahlenmäßig Gleichstand. Sogar die Mormonen dürfen einen eigenen Vertreter schicken.
Da haben sich die Relationen ganz schön verschoben. Den Sikhs etwa werden im Rhein-Main-Gebiet um die 5000 Mitglieder zugeordnet. Die Mormonen dürften in Frankfurt nicht mehr einige Hundert Mitglieder zählen.
Im Vergleich zur evangelische Kirche mit ihren 135 000 verbliebenen Kirchensteuerzahlern sind das kleine Fische. Und doch sitzen sie im gerade gegründeten Rat der Religionen gleichberechtigt nebeneinander. Und genau in diesem Punkt offenbart sich die wegweisende Idee dieses neuen Gremiums. Es ist keine Schwäche, sondern die entscheidende Stärke des Rats, dass er keinen Wert auf Proporz legt.
Bewusst haben die Initiatoren darauf verzichtet. Was wäre auch schon da bei herausgekommen außer einer erdrückenden Dominanz der christlichen Kirchen, die einen wirklichen Dialog mit den anderen Religionen so gut wie unmöglich gemacht hätte?
Nein, wenn man auf Augenhöhe reden will, dann muss sich der Größere eben etwas bücken, sonst wird das nichts. Die potenziellen Konflikte, bei denen der Rat eine vermittelnde Rolle spielen könnte, haben mit Bevölkerungsanteilen ja auch wenig zu tun.
Wenn beispielsweise Berichte über angebliche Ehrenmorde oder Kopftuchzwang die Runde machen, dann sind einige Leute mit pauschalen Verunglimpfungen schnell bei der Hand.
Auch bei der Moschee-Debatte meldete sich eine - abendländisch-bürgerliche - Minderheit zu Wort und sprach einer anderen Minderheit das Recht ab, ein Gebetshaus zu bauen. Erst eine Mehrheit weltoffen-toleranter Demokraten beendete das Treiben.
Man sieht: Mit dem Schielen auf die Bevölkerungsstatistik lassen sich Probleme nicht lösen. Hier ist der Rat der Religionen auf dem richtigen Weg.
Wobei eines nicht vergessen werden darf: Gerade die christlichen Kirchen haben mit dem Verzicht auf eine proportionale Sitzverteilung Größe gezeigt, sich "zurückgenommen", wie es die Pröpstin Gabriele Scherle ausgedrückt hat.
Sie haben damit den kleineren Religionen ein Signal des Vertrauens gesandt. Und sie tun dies in der Gewissheit, dass dieses Vertrauen nicht missbraucht wird. Dieses Signal wird in die verschiedenen Religionsgruppen ausstrahlen, und allein deshalb hat sich die Gründung des Rats schon gelohnt. Einfach ist dieser Weg freilich nicht. Konflikte werden sich nicht vermeiden lassen, sie sind geradezu systemimmanent.
Die Frage wird sein, wie lange es jeweils dauern wird, bis sich der Rat zu einer gemeinsamen Haltung in kniffligen Fragen durchringen kann. Laut Satzung sind Mehrheitsentscheidungen zwar nicht unbedingt gewollt, aber möglich.
Der gute Wille ist, so scheint es, bei allen Beteiligten vorhanden. Sollte es dennoch vorkommen, dass der Rat sich einmal nicht einigen kann, käme dies keinesfalls einem Scheitern gleich.
Dieser Fall ist quasi schon in der Satzung des Rats der Religionen geklärt. Darin verpflichten sich die Mitglieder, "Gemeinsamkeiten zu suchen und Unterschiede zu achten". F8