Es sieht aus wie ein Gezänk in der Wohnküche, so zäh wie kleinlich. Doch während die Genossen vordergründig wegen Abwasch, Einkaufslisten und klebriger Tische hadern, zerbricht in Wahrheit schon die Wohngemeinschaft, schauen sich die ersten bereits nach neuen Adressen um.
Ganz gewiss dreht sich der Konflikt in der Mietpartei links, die gerade erst aus ungemütlichen Souterrainräumen eine Etage höher gezogen ist, nicht nur um Personen. Da mag es noch so sehr verlocken, sich tief einzufühlen in den Kampf des Westtitanen Oskar Lafontaine, der auf seinem Weg zahlreiche starke Gegner am Boden ließ und selten nur daselbst landete, gegen den Ostpragmatiker Dietmar Bartsch, der beharrlich die Kellerkinder sammelte und empor ans Licht führte.
Hier aber stehen nicht zwei Egos einander unversöhnlich gegenüber, jedenfalls nicht allein, geht es nicht um Himmelsrichtungen und neudeutsche Ost-West-Strickmuster. Dies ist nicht weniger als K2L, wie westliche Sektierer den Kampf zweier Linien früher selbstironisch abkürzten, so alt wie der linke Anspruch auf gesellschaftliche Gestaltung und doch niemals kleinzukriegen.
Auch der Ausgang dieses Streits ist programmiert. Es hat sich jedenfalls immer ziemlich ähnlich abgespielt, seit der standfeste August Bebel den Revisionisten Eduard Bernstein aus der SPD rausekeln wollte und nur davon abließ, weil Bebel befürchten musste, dass der größere Teil seiner Partei dem ersten Reformsozialisten wohl folgen würde. Also seit grob gerechnet 130 Jahren.
Ob nun Sozialdemokraten, Grüne oder Post-DDR-Sozialisten um den richtigen Weg stritten, stets setzten sich in der deutschen Geschichte die Kompromissler durch. Schließlich hatten sie, wenn nicht die Argumente, so doch die Zahlen auf ihrer Seite, vermochten Wähler vorzuweisen und Zustimmung in Umfragen. Die Hardliner dagegen können meist nur mit der reinen Lehre punkten, angereichert durch eine gewisse Aura politischer Unschuld.
Den westdeutschen Linken indes gebührt nicht einmal diese Unschuldsvermutung. Sie sind ja beileibe nicht unberührt in die seit Sommer 2007 vereinte Partei gelangt, sondern haben vorher in diversen Organisationen Leidenschaft und Hickhack erfahren. Viele haben sich in Gewerkschaften aufgerieben und waren die ewigen Kompromisse statt Klassenkampf leid.
Andere hatten sich seit der "Willy"-(Brandt-)Euphorie der späten 1960er auf den Marsch durch die Sozialdemokratie begeben, um erst diese und alsdann die Welt zu verändern, waren auf einem Viertel des Wegs stecken geblieben und spät, aber entschieden ausgestiegen.
Zu einer dritten Leidensgruppe zählen jene, die an den vielen Häutungen der Grünen verzweifelten, am Wandel vom Pazifismus zur Balkan-Intervention oder dem oft vertagten Atomausstieg. Sie alle leiten einen Imperativ des Jetzt! Sofort! aus ihrer politischen Vorgeschichte ab, der keine Umwege zulässt, um das Paradies der Werktätigen, Mühseligen und Beladenen zu erreichen.
Gelobtes Land oder blühende Landschaften kennen Ost-Genossen aus zweierlei Systemverheißung, die meisten glauben an keine mehr; die Klügeren unter ihnen brauchten die Wende nicht, um Skepsis zu erlernen.
Von Mecklenburg bis Thüringen hat sich die Linke aus dem Ruch der Unberührbaren gelöst; sie gewinnt Gestaltungsmacht durch Anpassung, ein durchaus befreiendes Gefühl. In der Partei aber treffen Stimmungen aufeinander, die so nie zusammenfinden werden.
Nicht weil der Gegensatz zwischen Ost und West unüberwindbar wäre, sondern weil die bewusstseinsbildenden Wirklichkeiten auseinanderklaffen, leidet der Linken Einheit. Das wird sich so lange nicht ändern, bis sich trennt, was nie harmonieren wird.
Eine Programmdebatte, wie sie in der Partei und von draußen mit Nachdruck gefordert wird, kann dabei helfen. Nicht weil die Republik darauf gewartet hätte, dass Linke ihre Schlachtrufe austauschen nach wahlweise Reichtum oder Rausch für alle, gegen Hartz IV und für Horte, sondern um der Klarheit des Wegs willen wäre diese Debatte ein Gewinn.
Die nur auf dem Papier vereinte Linke weiß indes um die Gefahr. Schließlich hat sie nicht saumselig ihre Zeit vertändelt, als sie nach und nach den Schlusstermin fürs Programm von ehedem 2008 auf aktuell 2011 verschob. Sie weiß, eine ehrliche inhaltliche Suche endet unweigerlich mit Trennungen, von Personen wie von radikalcharmanten Forderungen. Da aber muss sie durch, wie alle linken Parteigründungen vor ihr.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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