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05. August 2010

Leitartikel: Spenden statt Steuern

 Von 

US-Milliardäre wollen einen Teil ihres Vermögens abgeben. Sie könnten es einfach an den Staat überweisen. Doch so weit geht ihr Verständnis vom Gemeinwesen denn doch nicht.

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Natürlich ist es besser, dass Milliardäre einen Teil ihres Reichtums spenden, statt ihn zu verprassen oder zu verbuddeln. Wobei gelegentlicher Altruismus und dauerhafte Großmannssucht sich durchaus in ein und derselben Person finden können, wie das Beispiel von Larry Ellison zeigt. Der Gründer der Software-Firma Oracle gehört zu denen, die dem Appell von Bill Gates und Warren Buffett folgen, ihr Guthaben halbieren und die eine Hälfte einem guten Zweck zuführen wollen. Ellison aber lässt die Welt auch gern an seinem egomanen Ausgabeverhalten teilhaben, etwa wenn er Kampfflugzeuge kauft oder sich die teure Marotte leistet, ein Segel-Team zu finanzieren, das jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag verschlingt.

Natürlich gönnen wir allen wohltätigen Organisationen jeden Dollar, der ihnen von Wohlhabenden auf dem Wege der Giving-Pledge-Kampagne von Gates und Buffett zufließen wird. Und ja, der öffentliche Aufruf zum Geben mag auch so manchen Hedgefonds-Manager unter moralischen Druck setzen. Das Wall Street Journal hat jedenfalls schon mal den Gebern diejenigen namentlich gegenübergestellt, die ihre Taschen weiter geschlossen halten.

Bevor aber nun jemand vor den Spendern in spe auf die Knie fällt, sei angemerkt, dass deren Nachwuchs auch dann noch die Hände in den Schoß legen könnte, wenn er nur ein halbes Prozent des elterlichen Vermögens erben würde. Nach dem jüngsten Reichen-Ranking des Wirtschaftsmagazins Forbes verfügen mehr als 1000 Menschen auf der Welt über ein Vermögen von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Die Zeiten, in denen Könige oder Klerus über Generationen dem Volk Abgaben abpressten und auf diese Weise Schätze anhäuften, sind vorbei. Heute kann eine gute Idee auf dem weiten Feld des Internet- oder Computerwesens reichen, um binnen eines halben Arbeitslebens zum Krösus zu werden.

Vielleicht hat die vergleichsweise leichte Art der Besitzpotenzierung einige der Neureichen beschämt; vielleicht ahnen sie, dass sie die Kehrseite der Armut sind, die beispielsweise auch die Wirtschaftskrise verursacht hat; vielleicht hat der eine oder andere mal zu Hause durchgerechnet, dass alle Milliardäre zusammen viele Banken-Rettungsprogramme problemlos hätten stemmen können, für die sich Staaten (und damit Gesellschaften) auf lange Jahre verschulden müssen.

Er hätte es aber nur spaßeshalber durchgerechnet, denn nichts liegt den meisten Reichen dieser Größenordnung ferner, als auch nur einen Teil ihres Besitzes dem Staat zu übereignen, auf dass der damit für höhere Bildung oder bessere Gesundheit sorgen könnte. Gerade dort, wo die Giving-Pledge-Idee geboren wurde, hat Staatsferne Tradition; ehe man dem US-Staat Geld gibt, der damit vielleicht gar ein Museum errichten könnte, baut man lieber selber eins, das dann auch den eigenen Namen tragen kann.

Vermögende, gern auch solche aus dem Show- und Sportgeschäft, inszenieren sich in ihrer Rolle als großherziger Mensch. Charity Lady ist zu einer Berufs- oder sagen wir mal Tätigkeitsbezeichung für Damen geworden, die glamouröse Galas organisieren, deren zahlende Teilnehmer alsdann eine Seite bei Blättern wie Gala füllen. Diese elitären Treffen könnten auch ohne Anlass stattfinden, werden aber erst geadelt, wenn dabei für arme Negerkinder auch noch was abfällt.

Eine bevorzugte Art, sich einen Namen zu machen, ist die Stiftung. Mit den Zuwendungen für sie reduzieren viele Reiche zudem just jenen Beitrag für die Allgemeinheit, den sie für eine Zwangsabgabe halten: Steuern. Nicht dass Mäzene nur Projekte aus purer Eitelkeit fördern würden, aber typisch ist eben, dass die Gabe umso großzügiger ausfällt, je stärker der Geber Einfluss auf seine Verwendung nehmen kann. Und nichts liegt ihm ferner, als mehr Geld als unbedingt nötig in jenen großen Topf zu tun, der Haushalt heißt. Da wäre er ja nur ein popeliger Steuerzahler unter vielen. Ein Reicher aber, der viel spenden und wenig Steuern zahlen will, missachtet das Sozialwesen.

Ted Turner – er ist auch jetzt wieder unter den Spendern – hat es vor zwölf Jahren anders gemacht. Er hat den Vereinten Nationen eine Milliarde Dollar aus seinem Privatvermögen zukommen lassen. Womöglich haben die UN nicht jeden Turner-Dollar sinnvoll ausgegeben. Aber die Geste des einstigen Medien-Magnaten war im Grundsatz richtig.

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