Hinterwäldlerisch, fremdenfeindlich, anfällig für populistische Parolen - die Schemata zur Abgrenzung vom Schweizer Votum gegen Minarette sind schnell bei der Hand. Tatsächlich sieht es ja auf den ersten Blick so aus, als ob das Nachbarland im Süden für Europa das wäre, was Mecklenburg oder Sachsen für die Bundesrepublik sind: Regionen, in denen der Bevölkerungsanteil einer Minderheit besonders klein ist - die Abwehr der Mehrheit dafür umso größer. Das Stimmverhalten der Schweizer wäre demnach vor allem Ausdruck mangelnder Kenntnis des Islam und fehlender Erfahrung mit Muslimen. Eine gute Gelegenheit für Rest-Europa, tadelnd den Zeigefinger zu heben und sich im Licht der eigenen aufgeklärten, multikulturell versierten Grundhaltungen zu sonnen.
Zu solcher Selbstzufriedenheit gibt es keinen Anlass. Wer sich jetzt darüber empört, dass die Schweizer in einem demokratischen Akt Grundrechte wie den Minderheitenschutz oder die freie Religionsausübung infrage gestellt und damit Hand an die Demokratie selbst gelegt haben, der übersieht vergleichbare Tendenzen auch bei uns. So fanden im Streit um die geplante repräsentative Zentralmoschee in Köln viele Bürger gar nichts dabei, sich schnurstracks über die Verfassung hinwegzusetzen. Jeder Dritte in der vermeintlichen Hauptstadt der Toleranz und des kulturellen Laisser-faire lehnte den Bau muslimischer Gebetshäuser kategorisch ab - egal in welcher Größe, ob mit Minarett oder ohne. Das zeigt, dass die diffusen Ängste vor "dem Islam" längst die Mitte der Gesellschaft erreicht haben.
Obwohl es in der Schweiz offenbar bisher nur ganze vier Minarette gibt, ist die Zuspitzung des Streits auf ein architektonisches Detail keineswegs zufällig. Wer mit der Geschichte des Kirchenbaus vertraut ist, aber auch wer mit offenen Augen durch unsere Städte geht, der liest in der Formensprache von Domen, Kathedralen und Pfarrkirchen den Anspruch des Christentums auf Mitgestaltung des Zusammenlebens. Im säkularen Staat hat die Gestaltungsmacht der Kirchen nachgelassen, die identitätsstiftende Kraft des christlichen Erbes ist im Schwinden begriffen. Das mag im Selbstverständnis eines säkular-pluralen Staats als Gewinn gelten. Unbewältigte Marginalisierungsängste bei Katholiken und Protestanten wie auch die Ahnung vom Verlust einer verbindenden gesellschaftlichen Mitte werden aber just in dem Moment manifest, in dem eine andere Religion behauptet, diese Mitte angeben zu können, und beginnt, ihre Spuren im Weichbild der Städte zu hinterlassen.
Nicht die Probleme der Mehrheitsgesellschaft mit der muslimischen Minderheit werden hier in erster Linie sichtbar, sondern die Probleme der Nicht-Muslime mit sich selbst. Ein Bauverbot als Reaktion darauf ist hilflos und denkfaul, bemüht einen überholten und demokratisch nicht einholbaren Machtgestus.
Wer baut, will bleiben. Auf diese Formel hat Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, einmal die Errichtung von Synagogen gebracht - im Sinne eines Bekenntnisses zu Deutschland. Auch die Muslime zeigen, dass sie bleiben wollen. Aber im berechtigten Bemühen um einen wahrnehmbaren Platz in der bundesrepublikanischen Gesellschaft haben die Repräsentanten der Muslime sich lange Zeit zu wenig darüber Gedanken gemacht, wie deren Bekenntnis zur Integration aussehen könnte, wie sie ihre Kultur, ihren Lebensstil und ihre Religion der Mehrheit als attraktives Angebot unterbreiten können.
Galt es vor einigen Jahren noch als verpönt, eigene Gefühle der Fremdheit und des Unbehagens gegenüber bestimmten Ausprägungen muslimischen Lebens auch nur zuzulassen oder gar zu artikulieren, ist die gesellschaftliche Reflexion heute weiter. Inzwischen heißt es gern, man müsse solche Empfindungen "ernst nehmen". Daraus spricht die erfreuliche Einsicht, dass sich "politisch unkorrekte" Debatten in Mediengesellschaften nicht unterdrücken oder mit sozialem Bann belegen lassen.
Wer konstruktiv Einfluss nehmen will, darf nicht den politischen Rändern die Wortführerschaft überlassen. Das hat sich einer wie der SPD-Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, zum Prinzip gemacht, indem er die Probleme im Zusammenleben von (muslimischer) Minderheit und (nicht-muslimischer) Mehrheit in seinem Bezirk benennt. Mit sozialtherapeutischer Verständnis-Attitüde ist es ebenso wenig getan wie mit einem formalen Rückzug auf Grundrechtsnormen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.