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18. Januar 2013

Leitartikel: Stabilität in Mali nur langfristig

 Von 
Nigerianische Soldaten vor der Abfahrt zu ihrem Einsatz nach Mali.  Foto: REUTERS

Selbst eine Rückeroberung des Nordens von Mali garantiert keine Stabilität. Die Zukunft Malis hängt davon ab, ob Europa bereit ist, dem Land auch dann zu helfen, wenn es den Terrorismus besiegt hat. Das ist keine Aufgabe von Monaten, sondern von Jahren.

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Schon wieder ein Krieg! Muss Deutschland sich denn überall einmischen? Kaum taucht die vage Hoffnung auf, dass das Engagement unserer Truppen in Afghanistan in absehbarer Zeit zu Ende gehen könnte, nun also Transportmaschinen der Luftwaffe für Mali. Muss die Sicherheit der Deutschen nun nicht mehr nur am Hindukusch, sondern auch in der Sahara verteidigt werden?

Jenseits der markigen Worte: Es ist zu begrüßen, dass Deutschland zwei Lufttransporter nach Afrika schickt. Mehr wäre besser. Wer die militärische Intervention der Franzosen in Mali ablehnt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob ihm das Schicksal der Menschen im Süden Malis kalt lässt. Denn alles spricht dafür, dass die Steinzeit-Islamisten, die im Norden des Landes Dieben die Hände abhacken, Raucher auspeitschen und Ehebrecher steinigen, in wenigen Tagen Bamako, die Hauptstadt, erobert hätten. Das Regime wäre zusammengebrochen. Ein Staat unter Kontrolle von Islamisten, die sich über Drogenhandel und Geiselnahme finanzieren, wäre eine Gefahr für ganz Westafrika geworden – und auch für Europa.

Wer aber, wie die übergroße Mehrheit der Malier, die französische Intervention gutheißt, muss sich fragen, weshalb denn die Franzosen allein die heiße Kartoffel aus dem Feuer holen sollen. Gerade wer ihnen neokoloniale Absichten unterstellt, den Zugriff auf Uran für ihre Atommeiler etwa, muss es begrüßen, wenn andere Staaten tatkräftig mithelfen.

Sicherung der Lage wird Monate dauern

Eine europäische Intervention wäre besser gewesen als eine französische. Aber während gerade die 50-jährige französisch-deutsche Freundschaft gefeiert wird, lassen die Deutschen die Franzosen nun ziemlich im Regen stehen. In Niedersachsen wird am Wochenende gewählt. Und in Deutschland kann man – und das ist gut so – anders als in den USA oder in Frankreich in der Pose des Feldherrn nur Stimmen verlieren.

Dass gerade Frankreich die Malier in der Hauptstadt und im Süden des Landes vor der terroristischen Herrschaft der Islamisten rettete, ist eine Folge ihrer Kolonialherrschaft. Als einziges EU-Mitglied hat Frankreich Militärbasen in Afrika und war deshalb in Mali mit Kriegsmaterial und Soldaten schnell zur Stelle. Frankreich kennt die Verhältnisse in Mali besser als jeder andere europäische Staat.

Frankreich begründete seine Intervention damit, der Marsch der Islamisten auf Bamako müsse gestoppt werden. Es war der erste Schritt. Und der leichteste. Kaum war er gelungen, wurden die Ziele weiter gesteckt. Frankreichs Verteidigungsminister sagte, nun müssten auch die Basen der Islamisten im Hinterland zerstört werden, und der Armeechef sprach davon, die Islamisten aus ganz Mali zu vertreiben. Das ist in kurzer Frist nicht zu schaffen.

Es könnte durchaus gelingen, sie aus den Städten Nordmalis zu vertreiben. Die Menschen dort würden aufatmen. Aber diese Städte müssten auch gehalten und gesichert werden. Bis die malische Armee – mit Hilfe europäischer Ausbilder – dazu in der Lage ist, wird es Monate dauern. Die Islamisten werden sich in die Wüste zurückziehen, wo sie herkamen.

Schwierige Aussöhnung

Und sie werden die Kampfzone ausweiten. Die Besetzung eines Gasfeldes in Algerien mit Massengeiselnahme ist eine deutliche Warnung. Algerien hat in Mali bisher auf Vermittlungen gesetzt. Das wird sich nun ändern. Bechtar Belmochtar, der Chef der Gruppe, die das Gasfeld besetzte, gehörte bis zum Dezember zur Aqmi, die in Timbuktu ein Terrorregime errichtete. Ohne die Hilfe der Algerier, die das Terrain und die von ihrem Geheimdienst infiltrierten Islamisten kennen, wird Nordmali nicht zu befrieden sein.

Dies ist eine Aufgabe nicht von Monaten, sondern von Jahren. Gleichzeitig muss in Mali auch ein Staat aufgebaut werden. Es gibt in Bamako nach dem Putsch der Armee vor zehn Monaten keine demokratisch legitimierten Machtorgane mehr, und die Armee selbst ist ein desolater Haufen ohne funktionierende Kommandostruktur. Mit der Rückeroberung des Nordens drohen zudem ethnische Auseinandersetzungen. Tuareg-Milizen, die im Sold Gaddafis standen, nach dessen Sturz in ihre Heimat zurückkehrten und den Norden überrannten, bevor sie von Islamisten vertrieben wurden, haben die Krise ausgelöst. Viele Songhai, Peuls, Bambara und Angehörige anderer Ethnien hegen Rachegefühle. Die Aussöhnung wird schwierig. Sie setzt einen funktionierenden Staat voraus, den es in Mali nicht gibt.

Selbst eine Rückeroberung des Nordens garantiert also keine Stabilität. Die Zukunft Malis hängt davon ab, ob Frankreich, und mit ihm Europa, bereit ist, dem Land auch dann noch zu helfen, wenn es den Terrorismus besiegt hat.

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