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Leitartikel: Steinbachs letztes Gefecht

Erika Steinbach kämpft ihr vielleicht letztes Nachhutgefecht, und das ist die gute Nachricht: Auch bei den Vertriebenen dürfte revisionistisches Geklingel keine Mehrheit mehr haben. Von Stephan Hebel

Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Es gibt in Deutschland Millionen Vertriebene und Nachkommen von Vertriebenen. Es gibt darunter eine erkleckliche Zahl, die sich von Erika Steinbach vertreten fühlen. Was aber ist mit denjenigen - nach neuesten Recherchen der Mehrheit -, für die das eigene (Familien-)Schicksal zu geschichtspolitischen und ideologischen Schaukämpfen nicht taugt? Mit denjenigen also, die sich von Erika Steinbach und ihrem "Bund der Vertriebenen" keineswegs vertreten fühlen? Sie haben es nicht verdient, von Politikern wie der BdV-Vorsitzenden zu Geiseln genommen zu werden.

Die gute Nachricht: Es wird damit in absehbarer Zeit vorbei sein. Frau Steinbach liefert - unter Ausnutzung millionenfachen Leids - die wahrscheinlich letzten Nachhutgefechte um die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte. Sie ist insofern die vielleicht letzte Politikerin der "Nachkriegszeit". Die vielleicht letzte Vertriebenen-Funktionärin mit einigem politischem Gewicht, die für die Gleichsetzung "der Vertriebenen" mit relaitivierenden, wenn nicht revisionistischen Geschichtsbildern steht.

So war es ja die ganzen vier Jahrzehnte der rein westlichen Bundesrepublik: Die Vertriebenenverbände vereinten ihre Mitglieder nicht nur im persönlichen (und absolut verständlichen) Schmerz über den Verlust ihrer schlesischen oder sudetendeutschen Heimat. Sie standen auch für die radikale Politisierung dieses Verlustgefühls, indem sie den Anspruch auf Revision dieses Verlusts vertraten - allen historischen und politischen Tatsachen zum Trotz.

Schon damals funktionierte diese Politisierung nur dadurch, dass die persönlichen Verlustgefühle vieler Menschen missbraucht wurden, indem man die Emotionen auf unredliche Weise ins Politische wendete. Der um die Heimat Trauernde - zumal, wenn er den Verlust nicht persönlich verschuldet hatte - sehnte sich zurück. Er sehnte sich selbst dann zurück, wenn sein Verstand genau wusste, dass das Verbrechen seiner Vertreibung mit den vorausgegangenen Verbrechen der Nazis sehr eng zusammenhing.

Die Anführer der Vertriebenenverbände aber machten ihm weis, seiner persönlichen Sehnsucht entspreche auch ein legitimer politischer Anspruch. Sie bestritten, dass der Verlust der "Ostgebiete" eine zwingende Folge des Nationalsozialismus und seiner gerechten Niederlage war. CDU und CSU ließen dies jahrzehntelang geschehen - ja, befeuerten den Revisionismus -, das millionenfache Wählerpotenzial immer im Blick.

Und die bundesdeutsche Linke machte den spiegelgleichen Fehler, "die Vertriebenen" insgesamt des Revisionismus zu verdächtigen, statt sich um die Vernünftigen unter ihnen zu bemühen - was wiederum viele in die Arme jener Parteien trieb, die sich ihrem Schicksal widmeten.

Erika Steinbach ist eine wesentlich modernere Vertriebenen-Funktionärin als die Hupkas und Czajas und wie die düsteren Rechtsausleger im Trachtenlook noch hießen. Den in Deutschland überwiegenden Konsens, dass der Nationalsozialismus auch dem Übel der Vertreibung erst den Weg bereitete, stellt sie nicht mehr in Frage, das wäre heute ja auch selbst in der CSU nicht mehr salonfähig.

Geblieben aber ist ein "Revisionismus light": So ernst Steinbach den Anspruch auf Versöhnung wahrscheinlich meint - er ist immer begleitet von dem trotzigen Versuch, die Vertreibung im öffentlichen Raum als eigenständigen Vorgang darzustellen - und damit letztlich doch von ihren Ursachen zu lösen. Steinbach mag es nicht betreiben, aber sie weiß sehr genau, dass sie dem reaktionären Flügel in ihrem Verband und außerhalb damit die Vorlage liefert, die Vertreibung den Verbrechen Hitlers zumindest gleichzusetzen und diese Verbrechen damit zu relativieren.

Dass sie der Oder-Neiße-Grenze im Bundestag die Anerkennung verweigerte, mag sie in diesen Kreisen zur Heldin machen (so wie sie bei manchen in Polen zur maßlos überzeichneten Hassfigur avanciert). Aber was müssen die Zigtausende darüber denken, die sich längst über diese Grenze auf den Weg gemacht haben zur ganz persönlichen Versöhnungsreise durch die Heimat ihrer Vorfahren und deren heutigen Bewohnern? Was denken jene, die begeistert staunen über ein Europa, in der man diese Grenze kaum noch spürt? Welche "Versöhnung" darüber hinaus hat Frau Steinbach, bitte sehr, zu bieten?

Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass der vielleicht letzten Geiselnehmerin der Vertriebenen für eine revisionistische Politik nichts anderes mehr bleibt, als um Sitze in einer Art Aufsichtsrat zu feilschen. Es ist eine noch bessere Nachricht, dass sie selbst damit hoffentlich keinen Erfolg haben wird. Es sieht so aus, dass auch Schwarz-Gelb - von ein paar nicht sehr großen Gestrigen-Bataillonen abgesehen - sich vor diesen Karren nicht mehr spannen lassen wird. Sie würden sich damit national und international absolut unmöglich machen.

Das vereinte Deutschland gründet nach innen wie nach außen auf der Anerkennung einer europäischen Ordnung, in der revisionistische Anwandlungen nichts zu suchen haben. In diesem Deutschland ist Erika Steinbach - die beste Nachricht - ein politisches Auslaufmodel. Nicht deshalb, weil die Generation der Vertriebenen langsam verschwindet. Sondern weil auch sie und ihre Nachkommen den Wert dieser Ordnung längst erkannt haben, in ihrer Mehrheit zumindest.

Es wird nicht ganz aussterben, das revisionistische Denken. Wie sehr es aber an den Rand der politischen Akzeptanz gerät - daran können wir erkennen, welche Fortschritte Deutschland gemacht hat.

Autor:  Stephan Hebel
Datum:  7 | 1 | 2010
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