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08. Oktober 2014

Leitartikel Sterbehilfe: Klare Regeln für Sterbehilfe

 Von 
Die Sterbehilfe in Deutschland bleibt ein Thema.  Foto: Imago

Keine Angst vor einem Dammbruch: Wer das Selbstbestimmungsrecht am Lebensende ernst nimmt, schafft endlich einen rechtlichen Rahmen für die Beihilfe zum Suizid.

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Soll ein Arzt einem unheilbar kranken Menschen beim Suizid helfen dürfen – quasi in einem Akt „äußerster Hinwendung zum Patienten“, wie es der Mediziner Michael de Ridder formuliert? Oder würde er damit zu einem „Techniker des Todes“, wie Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, warnt? Seit dem Ende der parlamentarischen Sommerpause hat die Debatte über Sterbehilfe deutlich Fahrt aufgenommen. Immer mehr Medizinethiker mischen sich ein, denn die Diskussion dreht sich nun vornehmlich um die Rolle des Arztes – aus gutem Grund.

Ursprünglich ging es bei dem Vorstoß von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) für ein Verbot von organisierter Sterbehilfe vor allem um Sterbehilfevereine; im Fokus stand das „Geschäft mit dem Tod“. Nicht nur christlich geprägte Lebensschützer oder konservative Ärztefunktionäre, sondern auch viele Befürworter einer liberaleren Gesetzgebung teilen das Misstrauen des Ministers gegenüber Sterbehelfern, deren Tun niemand kontrolliert.

Wer schützt verzweifelte Menschen davor, dass ein Verein ihre Notlage kommerziell ausnutzt? Wer kann beurteilen, ob diese Menschen impulsiv oder tatsächlich freiverantwortlich und wohlüberlegt handeln? Wirkt im Hintergrund sozialer Druck? Hat sie der Suizidhelfer über alle palliativmedizinischen Möglichkeiten aufgeklärt? Diese Fragen sind Ausdruck ethischer Zweifel, die sich nicht zerstreuen lassen. Denn die Praxis der erlaubten Suizidbeihilfe in Deutschland kennt keine Transparenz und keine Regeln. Das ist gesellschaftspolitisch und ethisch inakzeptabel.

Risiko des Missbrauchs minimieren

Wer das ändern will, steht vor einer klaren Alternative: Er kann die bislang legale Suizidbeihilfe unter Strafe stellen. Das hieße, die Hilfe suchenden Kranken sich selbst zu überlassen. Wer dagegen ihr Selbstbestimmungsrecht am Ende des Lebens ernst nimmt, kommt nicht umhin, für die Suizidbeihilfe einen rechtlichen Rahmen zu schaffen und Regeln aufzustellen, die das Risiko des Missbrauchs minimieren. Dafür gibt es Vorbilder: Im US-Bundesstaat Oregon ist seit 14 Jahren ein gutes, von anderen US-Bundesstaaten kopiertes Gesetz in Kraft: Es formuliert strenge Bedingungen wie Volljährigkeit und unheilbare Krankheit, stellt Sorgfaltskriterien und Verfahrensregeln auf und schafft Kontrollinstanzen wie einen zweiten Gutachter.

Für ein solches Regelwerk treten hierzulande einige Bundestagsabgeordnete und Medizinethiker ein. Sie rücken dabei nicht von ungefähr die Rolle des Arztes ins Zentrum: Nur er soll künftig bei der Selbsttötung mitwirken dürfen. Tatsächlich spricht vieles dafür: Wer, wenn nicht der Arzt kann sich ein Bild machen von der Not eines unheilbar Kranken, der nur noch sterben will. Vermag den voraussichtlichen Verlauf einer Krankheit einzuschätzen. Kennt die therapeutischen Möglichkeiten, die dem Patienten vielleicht eine andere Perspektive eröffnen. Und nicht zuletzt weiß der Mediziner am besten, wie man ein tödliches Medikament richtig dosiert.

Für die meisten Ärzte ist dieser letzte Dienst am Menschen ein Tabu – tief verankert in ihrem traditionellen Selbstbild als Heiler und zementiert durch das Risiko, die Approbation zu verlieren (auch wenn es in den vergangenen Jahren keinen einzigen Fall gab). Eine neue, klare Rechtslage würde den Medizinern die notwendige Rechtssicherheit geben.


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Fatales Schweigen beenden

Vor allem könnte sie das fatale Schweigen zwischen Arzt und Patient beenden, das die existenzielle Not vieler Menschen vergrößert. Die meisten sterbewilligen Menschen trauen sich nicht, mit ihrem Arzt über ihren Todeswunsch zu sprechen. Aber selbst den Medizinern, die eine Mitwirkung bei der Selbsttötung aus Gewissensgründen ablehnen, sollte daran gelegen sein, dieses Schweigen zu brechen. Nur dann können sie Auswege aufzeigen und Leben retten.

Überfällig ist auch ein gesellschaftspolitischer Diskurs über die Dogmen, die einer Liberalisierung im Wege stehen. Das hat sich zuletzt am Fall des belgischen Sexualstraftäters gezeigt, dem in 20 Jahren Haft jede Therapie verweigert wurde: Er hat das Recht erstritten, sich durch Ärzte töten zu lassen. Dieser Skandal, den Kritiker zu Recht als „freiwillige Todesstrafe“ in Folge von Staatsversagen geißeln, scheint das perfekte Beispiel für die Dammbruch-These zu sein, wonach sich Ethik und Moral unaufhaltsam verflüchtigen, wenn der Gesetzgeber einmal Sterbehilfe legalisiert hat. Dass dies nicht zwangsläufig so sein muss, zeigt jedoch der Blick nach Oregon. Dort gab es weder eine Ausweitung noch sprunghaft steigende Zahlen von Selbsttötung.

Die Idee einer schicksalhaften Apokalypse ist einer aufgeklärten Gesellschaft nicht angemessen. Wer jede noch so streng geregelte Form von Sterbehilfe zum Sündenfall erklärt, setzt – ähnlich wie radikale Abtreibungsgegner – einen absoluten Lebensschutz über jedes Recht auf Selbstbestimmung. Eine klare Mehrheit der Deutschen, die seit Jahren auf eine Liberalisierung dringt, hat ihr Urteil darüber bereits gefällt. Daran darf die Politik nicht vorbeigehen.

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