Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

20. Januar 2014

Leitartikel Sterbehilfe: Wir müssen über Sterbehilfe reden

 Von 
 Foto: dpa

Es ist nicht Aufgabe des Staates, Sterbewilligen zu helfen. Aber auch Verbote werden dem Thema nicht gerecht. Die Debatte über ein würdiges Ende steht noch ganz am Anfang.

Drucken per Mail

Als der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf von seiner tödlichen Diagnose Hirntumor erfuhr, besorgte er sich eine Waffe. Sie war seine Exitstrategie, wie er in seinem posthum als Buch veröffentlichten Blog „Arbeit und Struktur“ schrieb. Er wollte seinen Tod selbst in der Hand haben und nicht in einem Krankenhaus oder Hospiz auf sein Ende warten, keiner Kommunikation mehr fähig. „Ich will derselbe sein bis zum Ende“, schrieb Herrndorf. Der Schriftsteller, der sich am 26. August 2013 in Berlin erschoss, forderte das Recht auf Freiheit im Tod. Das Recht für jeden Sterbewilligen, in jeder Apotheke das tödliche Medikament zu bekommen ohne ärztliche Untersuchung, bürokratische Hürden und vor allem ohne Psychologengespräche.

Das ist eine ziemlich radikale Aussage, die die meisten Menschen so wohl nicht teilen würden. Doch die Forderung nach Sterbehilfe ist populär. In Umfragen sprechen sich regelmäßig bis zu 70 Prozent der Bevölkerung dafür aus. Nicht immer ist dabei ganz klar, was genau sie darunter verstehen. Töten auf Verlangen? Das ist in Deutschland aus gutem Grund verboten. Oder geht es um den ärztlich assistierten Suizid? Das Strafrecht verbietet die Selbsttötung nicht, also wird auch die Beihilfe nicht bestraft. Das Standesrecht der Ärzte ist da jedoch strenger. Mediziner riskieren ihre Zulassung, wenn sie Patienten helfen, sich umzubringen.

Mehr dazu

Wenn die Union nun alsbald ein striktes Verbot jeder Form von organisierter Sterbehilfe in den Bundestag einbringen will, zielt das nicht nur auf Organisationen wie den Verein Sterbehilfe Deutschland (StHD) und den deutschen Ableger des Schweizer-Sterbehilfevereins Dignitas ab. Mit einem solchen Gesetz würden auch alle diejenigen unter Strafe gestellt, die privat und unentgeltlich wiederholt Hilfe zum Suizid leisten. Das könnte genauso einen Arzt treffen, der seinen Patienten die Telefonnummer einer Schweizer Sterbehilfeorganisation gibt. Oder den Rentner, der aus Überzeugung Menschen in den Tod begleitet oder berät. Die damalige FDP-Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger lehnte ein solches weitgehendes Verbot zu Recht ab und plädierte stattdessen dafür, nur die kommerzielle Sterbehilfe zu kriminalisieren, mit der Geld verdient wird.

Kein Geschäft mit dem Tod

Im Jahr 2012 haben sich mehr als 9890 Menschen in Deutschland umgebracht, 29 davon durch die Unterstützung des Sterbehilfe-Vereins StHD. Ein profitables Gewerbe ist das Geschäft mit dem Tod also nicht geworden, doch der Gedanke, dass viele der von den Sterbehelfern in den Tod Begleiteten psychisch krank waren, bereitet mehr als nur ein Unbehagen. Auch die Vorstellung, dass dabei Tötungsmaschinen zum Einsatz gekommen sind, lässt erschauern.

Aber ist es deshalb gerechtfertigt, gleich jede Form von Hilfe beim Suizid zu verbieten, wenn man solche dubiosen Vereine treffen will? Ein noch so weitreichendes Verbot wird nicht verhindern können, dass Menschen aus dem Leben scheiden wollen und sich dabei helfen lassen. Zugleich erscheint es enorm anmaßend, wenn solche Hilfen im Einzelfall mit der geballten Macht des Strafrechts bedroht werden. Der Staat hat eine Schutzpflicht für das Leben, aber jeder bestimmt über sein Leben selbst. Im Zweifel auch über dessen Ende.

Das bedeutet, jeder darf sich umbringen, und es ist nicht Aufgabe des Staates, ihn daran zu hindern. Allerdings: Aufgabe des Staates ist es nicht, dafür zu sorgen, dass einem dabei geholfen wird. Der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter schrieb unlängst, er wolle nicht als Pflegefall enden oder als freundlicher Idiot vor sich hindämmern. Wenn es so weit sei, wolle er zu Hause einen Medikamentencocktail einnehmen und sanft einschlafen. Sein Plädoyer für ärztliche Sterbehilfe traf auf eine empörte Replik des einstigen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering. Die Würde des Menschen habe nichts damit zu tun, ob er sich selbst den Hintern abputzen oder bis 100 zählen könne, kritisierte er. Am Sonntagabend wiederholten beide ihre Argumente vor einem großen TV-Publikum in der ARD bei Günther Jauch.

Müntefering hat recht mit seiner Sorge, es könnte ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden, in dem alte Menschen aus dem Leben scheiden möchten, weil sie anderen nicht zur Last fallen wollen oder fürchten, in Armut zu enden. Und wenn die Vorstellung, ein Pflegefall oder dement zu werden, für viele Menschen Grund genug ist, ihrem Leben ein Ende zu setzen, dann ist auch das ein Armutszeugnis für eine solidarische Gesellschaft.

Aber folgt daraus auch etwas für ein Verbot der Sterbehilfe? Es ist sicher richtig, Organisationen, die mit dem Tod Geld verdienen, vor hohe Hürden zu stellen. Aber gewiss ist auch, dass das Strafrecht nicht die letzte Antwort auf so fundamentale Fragen wie das Selbstbestimmungsrecht am Ende des Lebens sein darf. Vor dem kurzen parlamentarischen Weg zu einem neuen Gesetz braucht es eine intensive gesellschaftliche Auseinandersetzung über das Leben sowie die Möglichkeiten und Ängste, wenn es sich seinem Ende nähert.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Österreich und die Folgen

Mehr Politik wagen

Von  |
Von Adenauer bis Merkel: In der Politik herrscht das Geschacher und Kleinklein. Es fehlen die Visionen.

Alle suchen nach Mitteln gegen Rechtspopulisten. Das einfachste ist: Probleme benennen, Lösungen erarbeiten und umsetzen. Oder blumiger: Es sind Visionen nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Ein Sieg des letzten Aufgebots

Van der Bellen wurde nicht nur von Grünen gewählt, auch Konservative gingen für ihn an die Urne, um Hofer zu verhindern.

Die Wahl Alexander van der Bellens zum österreichischen Präsidenten hat das Land nicht grundlegend verändert. Der Kampf gegen die Ultrarechten fängt jetzt richtig an. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung