Russland hastet von einem diplomatischen Sieg zum anderen. Am Montag befreite Moskau mit einsam kühnem Veto im UN-Sicherheitsrat Abchasien von allen 180 Blauhelmen dort.
Am Dienstag einte es auf dem SCO-Gipfel halb Asien gegen die Diktatur des Dollar, am gleichen Tag und am gleichen Ort brachte es auf dem BRIC-Gipfel auch die dynamischsten Volkswirtschaften der Welt auf diese Linie. Zwar einigte man sich auf keinerlei verbindliche Maßnahmen.
Aber dafür marschiert Moskau seit vergangener Woche im Zollverbund mit Kasachstan und Weißrussland gegen die WTO. Ein Überraschungsangriff, dessen Wucht der Rest der Welt noch gar nicht richtig wahrgenommen hat: Nach 16 Jahren zähen Verhandlungen um den Beitritt zur WTO will sich Russland nun im gleichen Schritt und Tritt mit den Autokraten und Planwirtschaftlern aus Astana und Minsk in den freien Welthandel integrieren, also vermutlich erst im 22. Jahrhundert.
Der Kreml fällt einsame Entscheidungen, ohne Rückfahrkarte, wie bei der staatlichen Anerkennung der georgischen Rebellenrepubliken Abchasien und Südossetien im vergangenen August. Aber auch Entscheidungen, die nicht nur den Westen vergraulen, sondern auch seine treuesten Verbündeten.
Moskau stoppte die Milcheinfuhren seines Zollalliierten Weißrusslands, nachdem dessen Präsident Alexander Lukaschenko aus Ärger über einen sich verzögernden russischen Kredit ein Treffen boykottiert hatte. Jetzt flirtet selbst der Kolchosdiktator Lukaschenko eifrig mit der EU. Und das "Sowjetische Weißrussland" spottet, wie schwer es Putin doch falle, sich vom großen Bruder als Idee zu trennen.
"Der große Bruder" aber baut wieder Abwehrfronten gegen den feindlichen Westen. Begünstigt durch atlantische Dämlichkeiten wie die Nato-Osterweiterung oder die zeitweise blinde Unterstützung Georgiens, wuchern in den Hirnen von Putins Staatssicherheitselite erzsowjetische Ängste.
Russland führt lieber eigene potemkinsche Bündnisse
Wie zu besten Breschnjew-Zeiten scheint der Kreml Außenpolitik nach dem Motto zu machen: Wer nicht für mich ist oder zumindest so tut, der ist gegen mich. Moskau will wie früher Hausherr sein, ob in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, in der Schanghaier Organisation für Kooperation oder in der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit.
Der Kreml veranstaltet einen Gipfel nach dem anderen, lädt vor allem Länder ein, die geeignete Verbündete gegen den Westen sind, Moldawien oder die Mongolei, Usbekistan oder China, auch verfeindete Nachbarn wie Aserbaidschan und Armenien. Moskau versammelt Despoten oder Halbdemokraten, wirtschaftliche Riesen oder Pleitestaaten. Ihre Probleme und Interessen widersprechen einander oft heftig, weshalb meist nur Absichtserklärungen heraus kommen, Hauptsache, die Staatsführer haben genug Geduld zuzuhören, wie Präsident Dmitrij Medwedew diese öffentlich verkündet. Es spielt auch keine Rolle, dass kein einziger der so zahlreichen Verbündeten Russlands Abchasien oder Südossetien anerkannt hat.
Russland führt lieber eigene potemkinsche Bündnisse, als sich in westliche Hierarchien, etwa die WTO, einzuordnen.
Die Antipathien des Kremls gegenüber dem Westen nähren sich nicht nur aus sowjetischen Feindbildern, sondern auch daraus, dass dort niemand mehr richtig zuhört, wenn Russlands Führer reden. Warum hat Putin außer Deutsch auch Englisch gelernt, der Milliardär Roman Abramowitsch den FC Chelsea gekauft, Medwedew vorgeschlagen, die europäische Sicherheit, das europäische Energiewesen neu zu ordnen? Weil Russland sich danach sehnt, dass der Westen ihm zuhört, es bewundert.
Aber Europa und noch weniger die USA beachten die Siege Moskaus, seine Vorschläge oder Drohgebärden. Was Russland nur noch mehr erbost. Dort wächst ein Minderwertigkeitskomplex, der die Russen ihre Zukunft zusehends in der eigenen Vergangenheit suchen lässt. Der Mittelalterkrieger Alexander Newski ist zum Schutzheiligen des Staatsicherheitsdienstes FSB ernannt worden. "Nach Berlin!", fordern die Plakate für ein Moskauer Leichtathletikfest -in Berlin sind im August Weltmeisterschaften -, eine Sowjetparole aus dem 2. Weltkrieg.
Die Russen wollen es anders, und sie wollen die ersten sein. Es ist sinnlos, darauf zu warten, wann sie am "westlichen", demokratischen, marktwirtschaftlichen Ufer angekommen sind. Viel sinnvoller ist die Frage, in welche Richtung sie wirklich davonschwimmen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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