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Leitartikel: Tiefe Gräben

Wie ist es um die Dialogfähigkeit bestellt, wenn noch nicht einmal in einem wissenschaftlichen Umfeld Konfliktparteien zu einer Lösung ohne Gewalt kommen. Von Astrid Ludwig

Astrid Ludwig ist Redakteurin der FR-Lokalredaktion Frankfurt.
Astrid Ludwig ist Redakteurin der FR-Lokalredaktion Frankfurt.
Foto: FR

Seit Mittwoch ist nichts mehr wie es war. Die Besetzung des Casinos der Frankfurter Goethe-Universität und die polizeiliche Räumung hat das Miteinander auf dem Campus aus den Fugen geraten lassen. Sie hat Studierende, Mitarbeiter und Professoren in zwei Lager gespalten. In Befürworter der Räumung, die diese wegen der Sachschäden der Besetzer für notwendig ansehen und in Gegner, die das Vorgehen von Präsident Werner Müller-Esterl und den Polizeieinsatz als überzogen ablehnen.

Polizei sollte auf dem Campus nichts zu suchen haben - auch wenn die Verwüstungen im Casino auf keinen Fall zu tolerieren sind. Hier hat sich tatsächlich eine Minderheit ausgetobt, die den berechtigten Protest gegen aktuelle Studienbedingungen auf diese Weise nur in Misskredit gebracht hat. Das ist schade, denn die Mehrheit hat sich engagiert in inhaltliche Diskussionen eingebracht.

Nein, Polizei hat auf dem Campus nichts zu suchen - gerade dort nicht. Denn wie ist es um die Dialogfähigkeit bestellt, wenn noch nicht einmal in einem wissenschaftlichen Umfeld Konfliktparteien zu einer Lösung ohne Gewalt und ohne Hilfe der Staatsmacht kommen. Gerade dort sollte man Dialog und keine Gewalt erwarten können.

Wenn das Präsidium mit seinem Latein am Ende war, hätte es Dozenten oder Studenten als Vermittler einschalten können, die einen direkteren Draht zu den Besetzern haben und vielleicht mäßigend auf sie hätten einwirken können. Es gibt genügend Professoren, die den Protest der Studenten unterstützt und Seminare im Casino geleitet haben. Das Präsidium hätte sie um Hilfe bitten können, aber vielleicht war das gerade das Problem - dass man nicht vor dem Kollegium hilflos wirken wollte. Nun, nach dem Polizeieinsatz, macht es umso mehr den Eindruck.

Die Zerstörungen haben mitnichten "reisende Chaoten" zu verantworten, wie der Präsident vermutet. Es sind Studenten der Goethe-Uni. Sie machen auf diese Weise nicht nur ihrem Ärger über neue Studienabschlüsse und höheren Leistungsdruck Luft. Da bricht sich auch Frust über die neue Stiftungsuniversität Bahn, über das allgegenwärtige Streben nach Elite und Exzellenz. Der Frust über einen herausgeputzten Campus, dessen House of Finance zuweilen wie ein Hochsicherheitstrakt versperrt bleibt, und Studenten das Gefühl gibt, dass es mehr um das Umwerben der Wirtschaft geht, als um sie und ihre Mitsprache. Hier ist dringend eine neue Gesprächskultur, ein Miteinander nötig. Doch gerade das wird nach dem Polizeieinsatz erheblich schwerer sein. Von der baldigen Rückkehr in die Normalität, wie der Präsident hofft, dürfte die Goethe-Uni weit entfernt sein.

Autor:  Astrid Ludwig
Datum:  5 | 12 | 2009
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