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19. November 2011

Leitartikel über Rassismus: Das kleine Böse

 Von Maritta Tkalec
Maritta Tkalec

Der niederschwellige Rassismus liegt so tief im Alltag, dass die Politik darüber schweigt. Sie hat keine Lösung für das Problem. Man müsste die Mehrheit der Bevölkerung ächten.

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Heimat, Heimatschutz – das klingt nach den Vögeln im Wald und den Fischen im Fluss und den Städten und Dörfern. Nach all dem Schönen. Wer sollte dagegen etwas haben. Viel wird gesprochen über Heimat und Identität – im identitätsirritierten Osten Deutschlands mit gesteigerter Vehemenz, gerade in jenen Kleinstädten, in denen man durch Straßenzüge spaziert, deren Fenster tote Augen sind. Alles leer. Eisenberg in Thüringen, Klingenthal im Vogtland, Prenzlau in der Uckermark, Döbeln in Sachsen (wo Anfang November ein libanesischer Imbissbesitzer von einem maskierten Mann erschossen wurde). Es gibt viele solcher Orte. Hier wohnen der Niedergang, die Demütigung, der Kleingeist, der Neid auf alle, denen es – vermeintlich – besser geht. Die Weltoffenen, Jungen (vor allem Frauen), Neugierigen sind weggezogen oder in der Minderheit.

In Hunderten Dörfern haben sich Menschen auf das enge Wir zurückgezogen. Sie fürchten den Wandel, das Neue, das anfangs Fremde. Auf irrwitzige Weise klammern sie sich in ihrer Schwäche an vermeintlich sichere Werte: an die Reste der Familie, an das Nationale, das Deutsche, das gute Alte eben. Auch an die Idee, dass alle möglichst gleich sein sollen. Angeblich zu Reiche (Wessis, die sich ansiedeln), werden von lokalen Einheitsfronten gemobbt. Zu Arme („Penner“) werden erschlagen. Zu anders Aussehende (Inder, Türken, Afrikaner) werden gejagt und umgebracht.

Natürlich lehnt der ordentliche Bürger Gewalt ab, aber in zahllosen Familien im Osten – und keineswegs nur dort – herrscht Einverständnis, wenn bei Opas 80. Geburtstag Horrorgeschichten von Ausländern erzählt werden, die sich irgendwie undeutsch betragen. Jeder hat dergleichen erlebt, alle sind empört, alle finden: das geht so nicht weiter. Auch der Cousin, ein Polizist, nickt verständnisinnig. Die Lehrerin sieht schwarz für Deutschland. Wer inmitten der liebenswerten, vertrauten Verwandtschaft Widerspruch wagt, stört die Feier, gilt als elitär und realitätsblind.

Krissi, 21, wohnt in einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt, arbeitet als Kassiererin im Supermarkt, ein sanftes, zartes Wesen. Sie fürchtet sich vor einer (sie glaubt türkischen) Großfamilie, die einmal die Woche den Laden heimsucht. Die Kinder futtern unbezahlte Süßigkeiten, die Eltern reißen Packungen auf, werfen sie weg, stoßen Dinge um, werden laut, wenn das Personal eingreift oder die Polizei kommt. Krissi sagt: „Ich hasse diese Menschen. Ich fürchte mich vor ihnen.“ Sie kennt keine anderen Ausländer in ihrer Stadt, es gibt kaum welche. Sie macht nicht die schönen, teilweise beglückenden Erfahrungen, die man in einer Stadt wie Berlin täglich machen kann. Sie ist insofern ein typischer Fall. Ist sie rechts? Rechtsextremistisch? Aber nicht doch.

So einfach ist es nicht, auch wenn die Schublade verlockend weit offen steht. Ja, Millionen tragen diesen kleinen, faden Rassismus in sich. Er kommt harmlos genug daher, um Gefahr zu laufen, ihn zu verharmlosen. Er ist so gewöhnlich, dass er kompatibel ist mit Antirassismus-Aktionen, Anti-NPD-Demonstrationen, Holocaust-Gedenken, Aktionen „Schulen gegen Gewalt“, Straßenfesten gegen Rechts. Gerade das Komplexe, Vielfältige, die Übergänge und Grauzonen, in denen sich die kleine Fremdenfeindlichkeit abspielt, verführt dazu, sie als Kleinkram abzutun. Aber ihre Allgegenwart hüllt den tatbereiten Rechtsextremisten in eine Wolke von stillschweigendem Einverständnis. Auch die neonazistischen Mörder aus Zwickau konnten unter solchen Umständen gewissermaßen halböffentlich agieren.

Der sogenannte braune Sumpf lässt sich erkennen, ungefähr eingrenzen. Man kann mit staatlichen Mittel und Methoden gegen ihn vorgehen. Das Treiben in der Gedankensteppe, bewohnt von Millionen braven Heimatschützern, lässt sich weder verbieten noch direktenwegs bekämpfen. Man kann jenen Frauen in der Uckermark, die aus nationalsozialistischer Gesinnung viele, viele Kinder kriegen, das Gebären nicht verbieten. Behördliche Akte können die Gesellschaft weder von Fremden- noch von Deutschenhassern säubern, weder von Dünkel noch von Hochmut, weder von Minderwertigkeitskomplexen noch von Neid oder Missgunst befreien. Solche Probleme liegen so tief im Alltag, dass die Politik darüber schweigt. Sie hat keine Lösung. Auch Journalisten haben keine. Man müsste die Mehrheit der Bevölkerung, Wähler aller Parteien, ächten.

Seit je ist es die Hauptaufgabe von Kultur und Zivilisation, niedere Instinkte wie Fremdenhass zu zähmen. Es ist eine nie vollständig zu erledigende Aufgabe, eine der schwierigsten, anstrengendsten überhaupt. Sisyphos wusste das. Menschen wissen aber auch, dass die Kooperation der Vielen und Vielfältigen den Menschen erst überhaupt ausmacht. Dieser Kampf geht ewig weiter. Der Sieg ist nicht gewiss.


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