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Leitartikel: Überforderung bleibt

Der Alltag mit G8 belastet viele Kinder, Jugendliche und ihre Familien noch immer über die Maßen. Und die schlechte Nachricht ist: Das lässt sich kaum beheben.

Peter Hanack ist  stellvertretender Ressortleiter Region der Frankfurter Rundschau.
Peter Hanack ist stellvertretender Ressortleiter Region der Frankfurter Rundschau.

Sitzen zwei Schüler im ersten Oberstufenjahr am Gymnasium nebeneinander. Sagt der eine: Ich hab’ die Mittlere Reife. Sagt der andere: Ich nicht. Nicht lustig? Dann vielleicht der hier: Trifft ein Zehntklässler aus dem gymnasialen Bildungsgang der Gesamtschule den Gymnasiasten, der ebenfalls die zehnte Jahrgangsstufe besucht. Sagt der Gesamtschüler: Ich kriege meine Busfahrkarte vom Staat bezahlt. Sagt der andere: Ich nicht. Auch nicht lustig?

Aber aberwitzig ist es schon, welche Irrungen und Wirrungen die Einführung des Turbo-Abiturs hervorgebracht hat.

So viel zur Aufklärung: Im ersten Fall, den Schülern mit und ohne Mittlere Reife, zählt die Kultusbürokratie sehr penibel aufwärts von 1 bis 10. Den mittleren Bildungsabschluss gibt es mit Ende des zehnten Schuljahres. Früher hatten alle Gymnasiasten im ersten Oberstufenjahr diese zehn Schuljahre hinter sich, heute landen die Turbo-Abiturienten dort bereits nach neun Jahren – und bekommen deshalb auch keine Mittlere Reife.

Im zweiten Fall, den Schülern mit der Busfahrkarte, rechnet die Kultusbürokratie in entgegengesetzter Richtung, nämlich abwärts: Dann heißt es, Schüler müssen die letzten drei Jahre vorm Abitur selbst für die Fahrtkosten aufkommen. Wer also nach Klasse 9 so weit ist, muss auch ein Jahr früher in die eigene Geldbörse greifen.

Das mag formal korrekt sein, ungerecht scheint es dennoch. Es hakt vorne und hinten beim Turbo-Abitur – und die massiven Proteste von Eltern und Schülern lassen darauf schließen, dass der Alltag mit G8 viele Kinder, Jugendliche und ihre Familien noch immer über die Maßen belastet. Und die schlechte Nachricht ist: Das lässt sich kaum beheben.

Von seinem Ansatz her ist der verkürzte gymnasiale Bildungsgang ein elitäres Modell. Es richtet sich an besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler und bietet diesen einen schnelleren und anforderungsreichen Weg zum Abitur. Die Übertragung dieses Modells auf alle Gymnasien führt nahezu zwangsläufig zur Überforderung großer Teile der Schülerschaft – bei Übergangsquoten von annähernd 50 Prozent von der Grundschule aufs Gymnasium kann dies kaum verwundern. Dies gilt zumindest dann, wenn bis Ende der verkürzten Mittelstufe weitgehend die gleichen Fähigkeiten erlangt sein sollen und der gleiche Wissensstatus erreicht wie in G9.

Was hilft, ist mehr Zeit. Damit mehr Jugendliche den Weg zum Abitur gehen können, ohne ständig am oberen Limit agieren zu müssen, braucht es mehr Gesamtschulen, die bis zum Eintritt in die Oberstufe zehn Schuljahre anbieten. Und die Gymnasien müssen in ihrer Mehrzahl zügig zu echten Ganztagsschulen ausgebaut werden, die in den fünf Jahren der Mittelstufe täglich mehr Zeit geben, das Lernpensum zu bewältigen. Dann ließen sich auch Ungerechtigkeiten wie mit der Busfahrkarte ertragen.

Autor:  Peter Hanack
Datum:  19 | 8 | 2010
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