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Leitartikel: Überholtes Preissystem

Es ist höchste Zeit, die Tarife des Nahverkehrs dem veränderten Mobilitätsverhalten der Menschen im Rhein-Main-Gebiet anzupassen. Von Jutta Rippegather

Jutta Rippegather ist Regionalredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Jutta Rippegather ist Regionalredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Besitzen Sie eine Monatskarte der Preisstufe 4 oder 5? Wetten, Sie haben keine Ahnung, wo Sie damit überall herumfahren können? Dafür brauchen Sie sich nicht zu schämen. So gut wie allen RMV-Kunden geht es so wie Ihnen. Und nicht nur denen. Auch mancher Mitarbeiter blickt nicht durch. Deshalb ist es empfehlenswert, sich das Gültigkeitsgebiet bei der nächsten Mobilitätszentrale schwarz auf weiß aushändigen zu lassen. Das können Sie dem Kontrolleur unter die Nase halten, falls er Sie abkassieren möchte.

Ja, es ist wahr. Das Tarifsystem im Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) ist oft ein Buch mit sieben Siegeln. Ein Dschungel, in dem Kunden Gefahr laufen, sich zu verheddern und manchmal ungewollt zu Schwarzfahrern mutieren. Manche Preise sind weder logisch noch fair. Denn als Berechnungsgrundlage dienen nicht etwa die zurückzulegenden Kilometer, sondern ein anachronistisches Gebilde aus Waben, das sich an politischen, das heißt Landkreisgrenzen orientiert. Zum Puzzlespielen mag es vielleicht taugen. Nicht aber dazu, möglichst vielen Menschen das Umsteigen auf Bus oder Bahn schmackhaft zu machen. Im Gegenteil: Das schreckt bloß ab.

Wer von Offenbach in die Nachbarstadt Frankfurt fährt - oder umgekehrt - überlegt sich dreimal, ob er für die kurze Strecke 3,80 Euro zahlt oder gleich das Auto nimmt. Denn das ist immer noch schneller und komfortabler. Gleiches gilt für Reisen von und nach Hanau.

Es ist höchste Zeit, das Tarifsystem dem Mobilitätsverhalten der Menschen im Rhein-Main-Gebiet anzupassen. Der Maintaler arbeitet in Offenbach, der Frankfurter in Bad Homburg. Aus dem Wetteraukreis pendeln täglich Tausende nach Frankfurt oder Eschborn und so weiter und so weiter… Die alten Landkreisgrenzen sind bei der arbeitenden und freizeittreibenden Bevölkerung längst aufgehoben.

Das Rhein-Main-Gebiet ist ein Ganzes. Eine Region, in der die darin lebenden Menschen ihre sozialen Kontakte pflegen. So mancher Frankfurter mag noch an der Grenze seiner Stadt haltmachen. Doch die anderen, die gehen zum Baden in die Taunus-Therme nach Hofheim, grillen mit ihren Freunden in Mörfelden-Walldorf und besuchen das Theater in Wiesbaden.

Noch lohnen sich solche Ausflüge kaum per Bus oder Bahn. Das muss sich dringend ändern. Wer von Klimaschutz spricht und dem Verkehrslärm vor den Haustüren den Kampf ansagt, muss erstmal für einen attraktiven Öffentlichen Nahverkehr sorgen. Dazu gehören faire und damit akzeptable Preise. Nicht erst, wenn in ein paar Jahren das elektronische Ticket kommt, sondern so schnell wie möglich.

Autor:  Jutta Rippegather
Datum:  23 | 3 | 2010
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