Gleichzeitig steht Europa nun im Mittelpunkt einer Debatte über seine Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Vergleiche werden gezogen zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion. Solche Vergleiche sind historisch falsch und moralisch verwerflich.
Diejenigen, die versuchen, in Europa auf der Basis von gegenseitigem Misstrauen und Anfeindungen eine neue Mauer zu bauen, tun ihren Heimatländern und Europa keinen Gefallen. Europa kann nur dann zu einem starken Global Player werden, wenn es wirklich allen Europäern, im Osten und im Westen, eine gemeinsame Heimat wird. Wie Papst Johannes Paul II. sagte: "Europa muss mit beiden Lungenflügeln atmen."
Wie können wir dieses Ziel erreichen? In den frühen 1990ern beschloss die Europäische Union, ihre Ausweitung schnell voranzutreiben. Es wurde viel erreicht; die Errungenschaften sind nicht zu leugnen. Allerdings war man sich über die Folgen nicht wirklich im Klaren. Der Ansatz, Europa "vom Westen her" aufzubauen und so die Probleme anzugehen, hat sich als unrealistisch und wahrscheinlich nicht durchführbar erwiesen.
Wäre man etwas langsamer vorgegangen, hätte die EU mehr Zeit gehabt, ein neues Modell für die Beziehungen mit Russland und anderen Ländern zu entwickeln, die in nächster Zukunft keine Aussichten auf einen EU-Beitritt haben.
Momentan besteht die Vorgehensweise der EU im Bezug auf andere europäische Länder darin, so viele wie möglich aufzunehmen, Russland aber "bis auf weiteres" außen vor zu lassen. Das ist eine untragbare Situation, was aber einige nicht einsehen wollen. Da fragt man sich, ob es vielleicht Leute gibt, die etwas gegen einen Wiederaufbau von Russland haben. Was für eine Art Land soll Russland denn sein? Eine starke, selbstbewusste und eigenständige Nation oder nur ein Rohstofflieferant, der "seinen Platz kennt"?
Es gibt zu viele europäische Politiker, die nicht daran interessiert sind, mit Russland auf Augenhöhe zu sein. Sie sehen sich als Lehrer und Ankläger und wollen Russland die Rolle des gelehrigen Schülers beziehungsweise reuigen Angeklagten zuweisen. Russland lehnt diese Rollenverteilung ab und will als gleichwertiger Partner verstanden werden.
Um Sicherheit, wirtschaftliche Erholung, Umweltschutz und eine geregelte Migration garantieren zu können, bedarf es einer Umstrukturierung der globalen und vor allem der europäischen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen. Ich rate allen Europäern dazu, den Vorschlag des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew für ein neues europäisches Sicherheitsabkommen zu beherzigen. Erst wenn dieses Kernproblem gelöst ist, kann Europa mit geeinter Stimme auftreten.
Übersetzung aus dem Englischen: Andrian Widmann

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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