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Leitartikel: Vom Hinterhof ins Vorderhaus

Der Amerika-Gipfel ist ein Wendepunkt im Verhältnis der USA zu Lateinamerika. Mehr als Wohlfühl-Präsident Obama trägt dazu eine spürbare Machtverschiebung bei. Von Wolfgang Kunath

Wolfgang Kunath ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Südamerika.
Wolfgang Kunath ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Südamerika.
Foto: FR

Der Amerika-Gipfel hat ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika aufgeschlagen. Und wie immer, wenn im Buch der Geschichte eine neue Seite beschrieben werden soll, ist es lehrreich, zurückzublättern.

Man könnte unter dem Datum 5. November 2005 das Foto ansehen, das beim Amerika-Gipfel in Argentinien geknipst wurde: Die Staatschefs scheinen zwanglos miteinander zu plaudern, nur in der ersten Reihe starrt George W. Bush frontal in die Kamera, weil keiner mit ihm reden mag. Oder man schlägt den 17. April 1961 auf, genau 48 Jahre vor dem Gipfel am Wochenende: Die Invasion in der Schweinebucht war nicht der erste Versuch der USA, ihren Herrschaftsanspruch in Lateinamerika mit Gewalt zu durchzusetzen - und leider nicht der letzte. Oder den 17. Juli 1963: Egon Bahr benutzt zum ersten Mal öffentlich die Formel "Wandel durch Annäherung", das Motto der Entspannungspolitik. Und heute, nach fast einem halben Jahrhundert des starrköpfig fortgeschriebenen Kuba-Embargos, könnte man sie erneut benutzen, um Barack Obamas neue Kuba-Politik zu bezeichnen.

Für die Lateinamerikaner ist Kuba kein bilaterales, sondern ein kontinentales Problem, an dem sich zeigt, wie ernst es der neuen Regierung in Washington ist mit dem Versprechen, die alte Arroganz abzulegen, von gleich zu gleich zu reden, andere Sichtweisen zuzulassen, abweichende politische Modelle wenn nicht zu akzeptieren, so doch wenigstens zu tolerieren. Zu zeigen also, dass es "keine Seniorpartner und keine Juniorpartner" mehr gebe, wie Obama sagt. Als das Familienfoto des Gipfels geknipst wurde, stellte er sich übrigens in die zweite Reihe.

Wie überall auf der Welt flogen Obama jetzt auch in Trinidad und Tobago die Sympathien zu, zumal seinen lateinamerikanischen Kollegen noch der imperiale Vorgänger vor Augen steht. Dennoch blieben sie am Wochenende misstrauisch, ob sich die Welt wirklich von heut' auf morgen weiterdreht, und das ist ja auch berechtigt: Ändern die USA - Obama hin, Obama her - tatsächlich ihre Haltung gegenüber Lateinamerika? Was wird im Einzel-, im Konfliktfall geschehen, wenn Washington seine politischen oder wirtschaftlichen Interessen bedroht sieht? Legt eine Weltmacht, die mit beträchtlicher ideologischer Verbohrtheit an einer Politik festhält, die - siehe Kuba, siehe Drogen - alle Welt als falsch erkennt, jemals ihren lehrmeisterlichen Gestus ab? "Wir jedenfalls haben keine Regierungsbeamten, die eine Meinung äußern, wenn die USA irgendeine Entscheidung fällen", sagte die argentinische Präsidentin Kirchner am Wochenende spitz.

Auf der anderen Seite haben sich die Machtverhältnisse zwischen den USA und Lateinamerika auf geradezu epochale Weise verschoben. Die gute Konjunktur der vergangenen Jahre hat die Volkswirtschaften südlich der USA spektakulär begünstigt. Schuldenberge sind abgetragen, Haushalte saniert, Sozialreformen angepackt worden. Sah Lateinamerika sich seit eh und je im Würgegriff von US-Multis, so tummeln sich neuerdings die Multilatinas auf dem Weltmarkt - transnationale Konzerne aus Lateinamerika lehren die etablierte Konkurrenz das Fürchten.

Das kollektive Selbstbewusstsein der Region wuchs, dann kam die Krise - und das Selbstbewusstsein wuchs weiter. Denn Lateinamerika ist weniger betroffen als die tief deprimierten Zentren der Welt. Vor allem ist es nicht der traditionell krisengeschüttelte Halb-Kontinent, der an dem Unheil schuld ist, sondern die USA, die sich immer als Lehrmeister aufgespielt haben. "Ich habe mein halbes Leben gegen den Weltwährungsfond demonstriert, und jetzt leihen wir ihm Geld", sagt Brasiliens Präsident Lula staunend - als stünde die Welt plötzlich nicht mehr auf dem Kopf, sondern auf den Füßen. Diese Machtverschiebung ist wohl am Ende wichtiger als der Wohlfühl-Präsident Obama. Der frühere Hinterhof der USA wird sozusagen ins Vorderhaus umziehen, wird also auf mehr Einfluss in Weltbank oder UN-Sicherheitsrat dringen und generell seine Interessen souveräner einfordern können.

Die neue Stärke der früher Schwachen eröffnet endlich auch die Chance, das wichtigste Problem anzugehen: Die haarsträubend tiefe Kluft zwischen Arm und Reich. Entwicklung gebe es nur, wenn Wachstum mit Verteilungsgerechtigkeit einhergehe, sagt Brasiliens Lula. Eigentlich keine umwerfende Neuigkeit. Aber die mochte in Washington jahrzehntelang niemand hören.

Autor:  WOLFGANG KUNATH
Datum:  20 | 4 | 2009
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


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