Jetzt geht's los, SPD? Fehlanzeige. Die Partei hat einen Kandidaten, der nicht Kanzler wird. Sie bekommt einen altbekannten Parteichef. Wohin das führt? In die Opposition. Von Uwe Vorkötter
Dr. Uwe Vorkötter ist Chefredakteur der Berliner Zeitung.
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Berlin - Bundeskanzler Frank-Walter Steinmeier stellte in seiner mit Spannung erwarteten Regierungserklärung seine Pläne... Geht das? Bundeskanzler Steinmeier? Kann man, soll man die Kanzlerkandidatur, die der SPD gestern irgendwie passierte, noch ernst nehmen und konsequent zu Ende denken, bis in die Spitzenmeldung der Tagesschau im Oktober 2009? Wird dieser Kandidat tatsächlich Kanzler werden, der vierte Sozialdemokrat nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder? Schon die Frage klingt absurd. Und die Antwort lautet: nein.
Obwohl Steinmeier Kanzler kann. Der Mann macht einen ausgezeichneten Job als Außenminister. Tadellos, wie er Deutschland auf der internationalen Bühne repräsentiert, wie er in schwierigen Konflikten vermittelt, wie er mit Freunden, Konkurrenten und Gegnern die Gesprächsfäden knüpft. Innenpolitik kann er auch. Das hat er gelernt als Chef des Kanzleramts unter Schröder. Steinmeier war der Manager der rot-grünen Koalition, oft genug auch ihr Krisenmanager. Er wirkte im Hintergrund, hoch effizient, ergebnisorientiert, erfolgreich. Ein kluger Kopf, ein brillanter Analytiker, ein kühler Pragmatiker.
Steinmeier beherrscht nicht Schröders spielerischen Umgang mit den Kameras, er verfügt nicht über Lafontaines polternde Polemik. Aber er bewahrt inmitten des alltäglichen politischen Geschreis die Ruhe. Er strahlt in der hektischen Aufgeregtheit des Berliner Betriebs Gelassenheit aus. Sogar gestern, als alles drunter und drüber ging. Steinmeier erzeugt Vertrauen. Er ist kein Kumpel, aber eine sympathische Autorität. Und er kommt bei den Frauen an. Alles wichtig in der Mediendemokratie.
Frank-Walter Steinmeier könnte also Bundeskanzler sein, vielleicht sogar der richtige - für Deutschland. Aber er kann nicht Kanzler werden. Denn er ist garantiert der Falsche - für seine Partei. Seine Partei? Wessen Partei auch immer die SPD ist, sie ist weit davon entfernt, Steinmeiers Partei zu sein. Wenn sie es wäre, hätte der Kanzlerkandidat gestern ganz selbstverständlich, ohne einen Moment des Zögerns, die Konsequenz aus dem Rücktritt von Kurt Beck gezogen und den Parteivorsitz für sich beansprucht. Aber das ist schlicht undenkbar. Steinmeier repräsentiert nicht die Zukunft der SPD, er repräsentiert überhaupt nicht die SPD. Also muss Müntefering noch mal ran, der wenigstens ihre Vergangenheit repräsentiert.
Franz Müntefering - seine politische Karriere
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Franz Müntefering - seine politische Karriere
Als Müntefering im Oktober 1993 sein Land Nordrhein-Westfalen bei der Konferenz der Arbeits- und Sozialminister vertritt, hat er schon einige Stationen hinter sich: 1969 bis 1979 Stadtrat von Sundern (Hochsauerlandkreis), 1975 bis 1992 Bundestagsabgeordneter, von 1990 bis 1992 zudem parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion.
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Von 1996 bis 1998 bleibt Müntefering einfaches Mitglied im nordrhein-westfälischen Landtag. Zugleich ist er seit 1995 wieder auf Bundesebene aktiv: als Bundesgeschäftsführer. Hier rechts im Bild verabschiedet er den langjährigen Ministerpräsidenten Johannes Rau (Mitte). Mit dabei (von links): Oskar Lafontaine und Wolfgang Clement.
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1998 wird der Sauerländer zum Landesvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen gewählt. Diesmal gratulieren Rau und Clement.
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In Berlin greift Müntefering im April 1998 zum Besen, um seine politische Postitionsbestimmung plakativ zu veröffentlichen.
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Mit den Ideen des Herrn rechts im Bild möchte Müntefering jedenfalls nicht viel zu tun haben.
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Den Bundestagwahlkampf 1998 leitet er für die SPD; hier eine Antwort auf die Rote-Socken-Kampagne der Union.
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Die Mühe lohnt sich: Die SPD stellt mit Gerhard Schröder den Bundeskanzler. Oskar Lafontaine (links) und Müntefering (hinten rechts) freuen sich mit ihm.
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Müntefering sitzt nun als Minister im Bundestag - zunächst für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen.
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Nach der Vereidigung: Müntefering samt neuem Kabinett zum Antrittsbesuch bei Bundespräsident Roman Herzog.
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Pressekonferenz im September 1999: Müntefering wird wieder zusätzlich Bundesgeschäftsführer; Ottmar Schreiner hatte dieses Amt zwischenzeitlich für ein Jahr übernommen.
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Kommunalwahlkampf im heimischen Nordrhein-Westfalen: Müntefering, Peiner Priggen (Grüne) und Jürgen Rüttgers (CDU) in der Fernsehdiskussion der Elefanten.
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Nicht alles gelingt Müntefering: Auf dem Düsseldorfer Parteitag im Jahr 2000 scheitern die Pläne für eine Parteireform in Nordrhein-Westfalen.
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Eine weitere unangenehme Sache in Münteferings Karriere: Er muss im Jahr 2002 vor dem Parteispenden-Untersuchungsausschuss aussagen. Es geht um Spenden in Nordrhein-Westfalen.
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Im September 2002 nimmt Müntefering erstmals diese Glocke in die Hand. Es ist die des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. Bis Ende 2005 leitet er die Abgeordnetenrunde.
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Der nächste Schritt auf dem Weg nach oben: Der SPD-Sonderparteitag wählt im März 2004 Müntefering mit 95,1 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Gerhard Schröder als Bundesvorsitzender.
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Die Freude hält nicht lange an: Nach einem Krach im Parteivorstand kündigt Müntefering an, auf dem Parteitag 2005 nicht mehr als Vorsitzender zu kandidieren.
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Viele Mitglieder wollen ihn weiter im Amt sehen, starten eine Internet-Initiative. Es nutzt nichts. Matthias Platzeck wird sein Nachfolger als Parteivorsitzender.
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Doch egal wie die Gesamtwetterlage in der Partei ausfällt - wenn er die Genossen vor Ort unterstützen kann, macht sich Müntefering auf den Weg auch in kleine Städte. Es geht in die Wetterau (März 2001),...
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... ins Bürgerzentrum im hessischen Karben in einer Funktionärskonferenz des Bezirks Hessen-Süd (Februar 2004),...
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Müntefering spricht in der Trauerfeier für den Widerstandskämpfer und SPD-Politiker Rudi Arndt in Frankfurt am Main (Mai 2004)...
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... und singt, wenn's sein muss, auch Wanderlieder - hier mit einer Kleingärtner-Musikgruppe in Mönchengladbach.
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Im Schiff auf der Weser erläutert er, warum er das Wahlprogramm der CDU nicht gut findet (Januar 2005)...
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... und lässt sich vom Präsidenten des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, über Probleme in der Landwirtschaft aufklären.
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Bald wird das zu viel für seine Gesundheit: In einer Wahlkampfveranstaltung in Homburg an der Saar bricht Müntefering am Rednerpult zusammen; Parteifreunde stützen ihn (24. August 2005).
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Rote Nelken zum 65. Geburtstag: eine Geste der Beschäftigten der SPD-Parteizentrale und des Präsidiums (Januar 2005).
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Auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe wirbt Müntefering für die Vereinbarung mit der Union (November 2005).
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Die beiden werden ein gutes Gespann: Müntefering als Arbeitsminister und Vizekanzler, Angela Merkel (CDU) als Bundeskanzlerin.
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Münterfering und Merkel halten die Koalition zusammen.
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Am 13. November 2007 ruft Münterfering die Presse - und verkündet seinen Rücktritt aus allen Ämtern.
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Er will sich mehr um seine schwerkranke Ehefrau Ankepetra kümmern.
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Den Ball gibt er an andere weiter.
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Sein Nachfolger als Bundesarbeitsminister wird Olaf Scholz (zweiter von rechts), Vizekanzler Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.
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Der Tod seiner Frau hat Müntefering sichtlich zugesetzt. Das Bild zeigt den Politiker auf einem SPD-Sommerfest in Rösrath bei Köln.
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Anfang September 2008 tritt Müntefering in München erstmals wieder in größerem Rahmen auf. Der Jubel ist groß.
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Nach einem Jahr als einfacher Bundestagsabgeordneter kehrte er im September 2008 auf die politische Bühne zurück und wurde im Oktober zum Nachfolger von Kurt Beck als SPD-Chef gewählt.
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Gemeinsam mit SPD-Kanzlerkandidat, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, zieht Müntefering in Bundestagswahlkampf 2009. Am Templiner See in Potsdam stellen sie im Rahmen ihrer zweitägigen Klausurtagung stellten ihr Kompetenzteam vor.
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Die Wahl wird zum Debakel für die SPD. Müntefering gesteht die Niederlage ein und kündigt seinen Rückzug von der Parteispitze an.
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Franz Müntefering wird vermutlich nicht mehr als SPD-Parteichef kandidieren. Wir schauen zurück auf seine politische Karriere.
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Linkspartei in der Krise
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Der Kanzlerkandidat Steinmeier steht für die Schröder-SPD, die es nicht mehr gibt. Er war der Architekt der Agenda 2010. An dieser Agenda ist Schröder gescheitert, und mit ihm die SPD. Steinmeier fängt jetzt genau dort an, wo der Kanzler Schröder aufhörte: bei den inneren Widersprüchen der Sozialdemokratie. Der Kandidat will die Mitte der Gesellschaft zurück erobern, aber die Partei ist nach links gerückt. Der Kandidat will sich als Wirtschaftskanzler profilieren, aber die Partei hat sich enttäuscht von der Wirtschaft abgewandt. Der Kandidat lehnt das Bündnis mit der Linkspartei strikt ab, aber die Partei geht Bündnisse mit der Linken ein, wo es ihr passt - in Hessen und anderswo. Der Kandidat will regieren, die Partei hat das Regieren satt.
Das persönliche Profil Steinmeiers passt definitiv nicht zum programmatischen Profil der SPD. Das werden die Wähler spüren. Das Ganze ist ausweglos: Wenn Steinmeier nach links auf die SPD zugeht, verliert er seine Glaubwürdigkeit. Wenn sich die SPD in die Mitte auf Steinmeier zu bewegt, verliert sie ihre Seele. Den Kandidaten und seine Partei verbinden vor allem Formelkompromisse. Und das schon ganz am Anfang.
Und Müntefering? Der erreicht immer noch und immer wieder die Herzen der Sozialdemokraten. Aber auch er steht für den alten Kurs. Mit Beck hatte sich die Partei nicht nur über Schröder, sondern auch über Müntefering hinweggesetzt. Seine Rückkehr an die Spitze ist keiner Strategie geschuldet, sondern blankem Chaos. Aufbruchstimmung? Jetzt-geht's-lo-hos? Fehlanzeige. Ein Kandidat wurde nominiert, weil es keinen anderen gab. Ein Parteichef wurde bestimmt, weil es keinen anderen gab. Die SPD hat eine neue Führung. Aber sie ist führungslos, planlos, richtungslos.
Wohin führt Steinmeiers Kanzlerkandidatur, wenn nicht ins Kanzleramt? Natürlich in die Opposition. Es kommt nach der Wahl ein weiterer Neustart auf die Sozialdemokraten zu, der wievielte auch immer. Ohne Steinmeier, ohne Müntefering. Vielleicht mit Wowereit. Einer geht noch.