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Leitartikel: Weder frei noch fair

Geisterwähler auf den Listen, in Hinterzimmern gekaufte Clan-Chefs. Demokratie sieht anders aus. Trotzdem gibt es in Afghanistan keine Alternative zu diesen Wahlen. Von Christine Möllhoff

Ende Juli hatte er noch gekniffen, nun stellte sich der afghanische Präsident Hamid Karsai doch noch einem Fernseh-Duell, gewissermaßen in letzter Minute. Am Montag um Mitternacht ging der Wahlkampf in Afghanistan zu Ende. Am Donnerstag sind die Wähler am Zug. Aber eins kann man schon heute getrost sagen: Die Wahlen werden weder das Attribut frei noch fair verdienen. Trotzdem sind sie richtig und wichtig für das kriegsgeschundene Land.

Die Legitmität der Wahlen ist schon jetzt höchst fragwürdig: Die Taliban versuchen, mit Anschlägen und Drohungen die Menschen von der Stimmabgabe abzuhalten. Die Sicherheitslage in Teilen des Landes ist so schlecht, dass man zweifeln kann, ob das Wahlergebnis den Volkswillen widerspiegeln wird. Zugleich werden Vorwürfe laut, dass gemauschelt wird, was das Zeug hält. In den Wählerlisten sollen sich Hunderttausende Geisterwähler - oder besser: Geisterwählerinnen - tummeln, deren Stimmen man auf dem Schwarzmarkt für einen Dollar erstehen kann.

Besonders bitter stößt vielen auf, dass auch Karsai, der einstige Liebling des Westens und der USA, mit unfeinen Mitteln kämpft. Er hat sich nicht nur Teile der Presse unterworfen und instrumentalisiert sie im Wahlkampf. Auch sonst zeigt er wenig Respekt vor den Werten, für die der Westen am Hindukusch kämpft oder vorgibt zu kämpfen. Um sich bei Hardlinern anzubiedern, verriet er die Frauenrechte und poussiert schamlos mit ehemaligen Warlords und anderen dubiosen Figuren. In Hinterzimmer-Deals kaufte er ungeniert Stammesälteste ein, die dafür die Stimmen ihrer Clans versprechen.

Keine Frage, Demokratie sieht anders aus. Trotzdem gibt es keine überzeugende Alternative zu den Wahlen. Eine Absage oder eine Verschiebung des Termins wäre einer Kapitulation vor dem Terror gleichgekommen. Und sie hätte viele Menschen noch mehr entmutigt und Zweifel an den Absichten des Westens genährt. So ist es schon ein Erfolg, dass die Wahlen stattfinden. Ohnehin ist es eine Illusion zu glauben, dass man ein von altertümlichen Stammestraditionen und von dreißig Jahren Krieg geprägtes Land binnen kurzer Frist in eine Musterdemokratie verwandeln kann.

In Wahrheit ist Afghanistan wohl mehr eine Plutokratie mit mafiösen Strukturen. Man muss sich vor Augen halten, dass die meisten Menschen weder lesen noch schreiben können. Clan-Chefs bestimmen allzu oft, wer gewählt wird. Die Herkunft spielt weiterhin eine enorme Rolle, und das ändert sich nur langsam. Das Land ist ethnisch tief gespalten. Die größte Gruppe stellen die Paschtunen, zu denen auch Karsai zählt, mit vierzig Prozent. Es folgen die Tadschiken mit 27 Prozent sowie die schiitischen Hasara und die Usbeken mit jeweils neun Prozent. Seit zwei Jahrhunderten wird das Land fast durchweg von Paschtunen regiert.

Trotzdem versprechen die Wahlen spannender zu werden, als manchen lieb ist. In dem früheren Außenminister Abdullah Abdullah ist ein zweiter Kandidat erstarkt, der vor allem von den Tadschiken enthusiastisch gefeiert wird. Das spiegelt die ethnischen Risse wider. Viele Auguren prophezeien, dass Karsai, obwohl eindeutig der Favorit, die notwendige Mehrheit von fünfzig Prozent im ersten Wahlgang verfehlen werde. Der 20. August würde damit nur den Auftakt für eine Schlacht markieren, die sich erst bei einer Stichwahl im Oktober entscheidet.

Ein solcher Wahlmarathon birgt Risiken. Auch für die ausländischen Soldaten. Die Taliban hätten noch Wochen Zeit, mit Anschlägen die Schlagzeilen der Weltpresse zu erobern. Ein Duell zwischen dem Tadschiken Abdullah und dem Paschtunen Karsai könnte das Land zudem polarisieren und die ethnischen Gräben neu aufreißen. Die Angst ist nicht unbegründet, dass sich enttäuschte Hoffnungen in Gewaltausbrüchen entladen.

Entscheidend ist am Ende daher nicht, ob die aus aller Welt angereisten Wahlbeobachter das Ergebnis anerkennen - sondern ob die Wahlverlierer dies tun. Abdullah scheint sich wie Karsai der Gefahr bewusst zu sein. Während Karsai das erste TV-Duell absagte, blieb Abdullah nun dem zweiten fern. Vielleicht deutet dies darauf hin, dass sie die Stimmung kurz vor Wahl nicht weiter hochschaukeln wollten. Düstere Voraussagen, in Afghanistan drohe ein "zweites Iran", bleiben daher hoffentlich nur Alarmismus.

Autor:  Christine Möllhoff
Datum:  18 | 8 | 2009
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