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Leitartikel: Werdet erwachsen!

Bundesweit besetzen Studenten Hörsäle und fordern eine bessere Bildung. Konkrete Vorschläge haben sie aber kaum im Gepäck und schon gar keine Ahnung, wie man sich organisiert. Von Yvonne Globert

Yvonne Globert ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Yvonne Globert ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Die Kameras sind da, das ist schon mal die halbe Miete. Wie man Medien auf sich aufmerksam macht, haben die Studenten inzwischen raus. Von Heidelberg bis Aachen haben sie die Audimaxe der Hochschulen besetzt, manchmal, in Absprache mit milden Rektoren, nur für ein paar Stunden. Egal, Hauptsache, man kommt in die Tagesschau. Erstaunlich ist, wie schnell sich diese Protestform verbreitet hat, wie rasant die Studenten bundesweit imitiert haben, was ihre Hörsaal besetzenden Kommilitonen in Österreich seit ein paar Wochen vormachen und zeitgemäß auf YouTube dokumentieren.

Dabei haschen die Studenten nicht abgeklärt nach Öffentlichkeit. Sie wundern sich vielmehr selbst darüber, was einzelne lokale Bündnisse vor Ort auf die Beine bringen können, ohne dass eine zentrale Studentenorganisation die Strippen zieht. So war das auch im Sommer, als plötzlich Tausende für eine bessere Bildung demons-trierten.

In dieser Zufälligkeit und Spontaneität der Bewegung liegt aber auch ihre Schwäche. So mancher, der noch im Sommer für die Sache stritt, Flyer verteilte und im Hörsaal kampierte, ist im Herbst schon nicht mehr dabei. Das hat nicht nur mit der zeitlichen Überlastung durch Studium und Jobben zu tun, sondern auch mit einer gewissen Oberflächlich- und Unverbindlichkeit. Damit müssen sich die Studenten kritisieren lassen für etwas, das sie selbst vor allem deutschen Bildungspolitikern vorwerfen: Sie würden die Sache mit der besseren Bildung nicht wirklich ernst nehmen.

Wer es damit ernst meint, kommt aber nicht umhin, sich auf den argumentativen Schlagabtausch mit Kultusministern und auch Hochschulen besser vorzubereiten. Die Wünsche der Studierenden sind jedoch so allgemein geblieben wie schon im Sommer: Die Länder sollen auf Studiengebühren verzichten, die Studis selbst mehr Mitspracherechte bekommen, die Studienbedingungen in den neuen Studiengängen Bachelor und Master besser werden. Konkrete Vorschläge, wie viel Geld zur Verbesserung der Lehre in die Hand genommen werden muss, wie viele zusätzliche Dozenten gebraucht werden oder wie beispielsweise eine bessere Didaktik aussehen könnte, unterbreiten die Studenten nicht.

Sie lassen in diesen Fragen lieber Hochschulrektorenkonferenz und Gewerkschaften für sich sprechen und rühren in ihren Forderungstopf noch alles Mögliche rein, die Aufhebung der Anwesenheitspflicht in Seminaren etwa oder eine allgemeine Kapitalismuskritik. Da fehlt die Linie. Und welcher Bildungspolitiker nimmt bei einem solchen Sammelsurium an Forderungen Studenten als Verhandlungspartner wirklich ernst? Auch deren Organisationsstruktur bleibt vage. Jeder kann beim Bildungsstreik mitmachen, von einzelnen lokalen Studenteninitiativen bis hin zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Nur soll niemand stellvertretend für alle sprechen dürfen. Das wäre nach Meinung vieler schlicht undemokratisch. Die Einsicht aber, dass auch eine pluralistisch organisierte Gruppe Repräsentanten braucht, wenn sie gehört werden will, scheitert bislang an einer nicht nachvollziehbaren Irrationalität. Protestler mit einer solchen Haltung gehen damit selbst eigenen Kommilitonen auf den Keks. Obwohl die einen wie die anderen sich in der Sache einig sind, dass an den Hochschulen nachgebessert werden muss.

Damit haben sie, trotz aller Kritik an ihrem Vorgehen, absolut recht. Trotz großer Versprechen liegt an den Hochschulen noch vieles im Argen. Studenten müssen zuweilen Monate darauf warten, bis ein Professor Zeit findet, ihre Bachelor-Arbeit zu betreuen. Es mangelt an Personal und auch an der Bereitschaft, Studiengänge zu entschlacken und Leistungen, die an einer anderen Universität erworben wurden, anzuerkennen. Vieles davon geht auf das Konto reformunwilliger Unis, nicht minder aber auch auf jenes der Kultusminister, die die Hochschulen bei der Umstellung auf Bachelor und Master nicht finanziell entlasten.

Aber es gibt auch Positives, etwa die Einsicht, Bachelor-Studenten mehr Zeit statt der üblichen sechs Semester für ihren ersten Abschluss geben zu müssen. Zu verdanken haben die Studenten das ihren Kommilitonen, die im Sommer auf die Straßen gingen und heute die Hörsäle besetzen. Sie haben Druck gemacht, mit Erfolg. Würden sie sich jetzt noch in einer erwachsenen Organisation zusammentun, kaum auszumalen, was ihnen gelingen könnte.

Autor:  Yvonne Globert
Datum:  14 | 11 | 2009
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