1989 lehrt uns Mut und taugt als Vorbild auch für das Leben in der Demokratie. Wir verschleudern das Erbe der friedlichen Umwälzung Osteuropas, wenn wir es heute nicht annehmen. Von Stephan Hebel
Ausgelassen feiern die Berliner am 31. Dezember 1989 Silvester auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor.
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Ausgelassen feiern die Berliner am 31. Dezember 1989 Silvester auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor.
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Im noch frisch vereinten Deutschland war es der große Ost-Diagnostiker Joachim Gauck, der der Geschichte einen Begriff entriss: "Ermächtigen". Ein gefährliches Wort; denn im politischen Zusammenhang schien es ein für alle Mal reserviert für das "Ermächtigungsgesetz" von 1933, mit dem der Reichstag sich entmachtete und die Diktatur der Nationalsozialisten besiegelte.
Gaucks mutiger Versuch, diesen Begriff für Demokraten zurückzugewinnen, zielte ziemlich genau auf das Gegenteil dessen, was 1933 geschah. Ermächtigt werden - nein, vor allem sich selbst ermächtigen - sollten die Bürger in West und Ost. Besonders in den neuen Ländern, aber keineswegs nur dort sollten sie die ermutigendste Erfahrung des Jahres 1989 nicht vergessen: die Erfahrung, dass Tausende und Abertausende sich als "das Volk" zum Handeln "ermächtigten", selbst einer Diktatur zum Trotz.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
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Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
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Sie erstritten sich, unterstützt von manch einem Glücksfall der Geschichte, ein Leben in Freiheit und Demokratie. Das feiern wir heute zu Recht. Aber Gaucks Appell zur Selbst-Ermächtigung, zum Engagement für ein gutes und besseres Leben, ist nicht überholt. All die Feiern wären leerer Pomp, wenn der 20. Jahrestag des Mauerfalls nicht auch genutzt würde, um zu fragen: Wie können wir, "das Volk", die beglückende Erfahrung der Selbst-Ermächtigung und des Eingreifens in die eigenen Lebensverhältnisse auf die Gegenwart anwenden?
Klar, es liegen Welten zwischen unseren freiheitlichen Verhältnissen und dem Eingesperrtsein im Spitzelstaat DDR. Welchen Mut es dort erforderte, aktiv zu werden, sollte nicht einzuschätzen wagen, wer es nicht erfahren musste. Mut nicht nur bei denjenigen, die sich politisch organisierten, Manifeste an die West-Presse schmuggelten, Flüchtlingen halfen. Mut auch bei denen, die sich im 89er Herbst den Demonstrationen anschlossen, ohne zu wissen, ob sie in einem Blutbad enden würden. Mut bei denen, die ihre Kinder zu freiheitlichem Denken erzogen, obwohl sie fürchten mussten, ein Verplappern in der Schule könnte schlimmste Folgen haben.
Die Mauer - Symbol der Teilung
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Die Mauer - Symbol der Teilung
Kurz zuvor, am Morgen des 13. August 1961, haben DDR-Streitkräfte im Ostteil der Stadt Straßensperren aus Stacheldraht in Richtung Westen aufgebaut.
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Der Grund für die Abriegelung: Der DDR laufen die Bürger scharenweise davon - die Mauer soll den ständig steigenden Strom von Flüchtlingen nach Westberlin aufhalten.
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Am 15. Juni 1961 fragt die Berliner Korrespondentin der Frankfurter Rundschau, Annamarie Doherr, DDR-Staatschef Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz, ob er "mit allen Konsequenzen" am Brandenburger Tor eine Staatsgrenze einrichten wolle. Seine Antwort geht in die Geschichte ein: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."
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Dabei drängt Ulbricht gegenüber der Vormacht Sowjetunion schon seit 1952 auf einen Riegel mitten durch Berlin. Doch Moskau zögert, fürchtet die Reaktion der Westmächte.
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Die Entscheidung fällt offenbar erst wenige Tage vor dem 13. August 1961. Einige Historiker glauben, der Mauerbau sei Anfang August in Moskau beschlossen worden, wo die Ostblockführer zusammentrafen.
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Der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls", der unter dem Decknamen "Aktion Rose" läuft, besiegelt die Teilung Deutschlands.
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Die Mauer trennt Familien: Zwei Berliner Mädchen sprechen mit ihren Großeltern im Ostteil von Berlin.
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Mütter winken ihren Kindern und Enkelkindern in Ostberlin zu.
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In der DDR aber gibt es von Anfang an Widerstand gegen die Mauer. Stasi-Berichte verzeichnen "größeren Unmut bei Jugendlichen". Es gab Aufschriften wie "Wer Mauern baut, hat es nötig".
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In den drei Wochen nach dem Mauerbau werden 6000 Menschen festgenommen, 3000 bleiben inhaftiert. Das Bild zeigt amerikanische Soldaten an der alliierten Kontrollbaracke am "Checkpoint Charlie".
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17. August 1962: DDR-Grenzposten tragen den leblosen Körper des Flüchtlings Peter Fechter weg. Einem Freund, mit dem der 18-Jährige über die Mauer geklettert war, gelingt die Flucht; Fechter selbst wird auf der Mauer niedergeschossen und fällt auf die Ostberliner Seite zurück.
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Die DDR-Grenzer lassen den 18-Jährigen 50 Minuten lang hilflos liegen, bevor sie ihn bergen. Fechter verblutet. Sein Tod erregt großes Aufsehen, wird zum Symbol der Unmenschlichkeit dieser Grenze.
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Zwischen 1961 und 1989 sterben an der Grenze mehr als 900 Menschen, darunter Rudolf Urban. An ihn erinnert diese Tafel an der Bernauer Straße.
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Immer wieder wird die deutsch-deutsche Grenze in Berlin zum Schauplatz der Konfrontation: Am 28. Oktober 1961 fahren sowjetische Panzer am "Checkpoint Charlie", dem Sektorengrenzübergang für Diplomaten und Ausländer in der Friedrichstraße, auf. Tags zuvor haben amerikanische Panzer unmittelbar an der Grenzlinie Aufstellung genommen.
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26. Juni 1963: US-Präsident John F. Kennedy schaut von einer Plattform in der Friedrichstraße über die Berliner Mauer in den Ostsektor der geteilten Stadt. Hunderttausende jubeln Kennedy zu, als er vor dem Schöneberger Rathaus seine Rede mit den berühmten Worten "Ich bin ein Berliner" hält.
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Der Berlin-Berater Kennedys, Lucius D. Clay, zieht sich an der Mauer hoch, um einen Blick auf das Brandenburger Tor zu werfen.
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Das wohl berühmteste Bild einer Flucht aus der DDR gelingt dem Fotografen Peter Leibing. Er drückt auf den Auslöser, als der Volkspolizist Conrad Schumann im August 1961 während des Mauerbaus in den Westen springt.
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Der Westberliner Student Klaus-Michael von Keussler gehört zu einer Gruppe von Fluchthelfern, die einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch graben. Im Oktober 1964 gelingt 57 Menschen unterirdisch die Flucht. Rund 70 Tunnel zwischen Ost-und West-Berlin sind heute bekannt.
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Die innerdeutsche Grenze durchzieht bald das ganze Land: Blick vom Philippsthal (Osthessen) über die Grenze zur DDR und die Mauer auf das thüringische Vacha (Archivbild vom 27. April 1977).
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1989: Kurz nach dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung kommt Erich Honecker zu später Einsicht, lässt die Mauer einreißen, entschuldigt sich und tritt zurück ... Ok, ganz so spektakulär wie in "Goodbye Lenin" kam es nicht daher, das Ende der DDR ...
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... sondern so: Günter Schabowski, damals Politbüromitglied, tritt am 9. November 1989 vor die Presse und verkündet wie nebenbei die Öffnung der Berliner Mauer.
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November 1989: DDR-Grenzsoldaten helfen einem Kind auf die Mauer, um ihm einen Blick auf den Westen zu ermöglichen.
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11. November 1989: Jubelnde Menschen haben sich mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer niedergelassen. Nach der Öffnung eines Teils der Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisen Millionen DDR-Bürger für einen Kurzbesuch in den Westen.
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Grenzübergang im osthessischen Philippstal am 12. November 1989.
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Grenzübergang Stubenrauchstraße am 14. November.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Silvester 1989 in Berlin.
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Der letzte sozialistische Bruderkuss - als Grafitti auf der Mauer, die Deutschland fast 30 Jahre lang trennte.
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Rückblick: Berlin im August 1961. Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten beginnen Handwerker mit dem Bau einer mannshohen Mauer an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze (hier am Potsdamer Platz).
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Fotostrecken Politik
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Linkspartei in der Krise
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Mut bei allen, denen die Lebensgefahr eines Fluchtversuchs weniger furchtbar erschien als ein ganzes Leben ohne Gedanken- und Bewegungsfreiheit. Mut auch bei jenen, die die legale Ausreise beantragten, obwohl sie die Schikanen kannten, die darauf folgen konnten.
Wer das mutige Verhalten all dieser Menschen zum Vorbild auch für das Leben in der Demokratie erklärt, verwischt keineswegs die Unterschiede. Seine eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen - am Arbeitsplatz, im privaten Lebensumfeld, in Gewerkschaft, Bürgerinitiative, Kirche oder einer Partei -, das ist heute unendlich viel einfacher als damals in der Diktatur. Aber der Demokratie, die die Mutigen von damals mit erkämpften, und ihnen selbst wird nicht gerecht, wer den Anspruch der Selbst-Ermächtigung damit für erledigt hält. Die schlechteste Lehre aus 1989 wäre das Verfallen (oder Verharren?) in Passivität angesichts der sozialen und ökonomischen Realitäten von heute.
Hier haben die Nachwende-Gesellschaften, nicht nur unsere, einigen Nachholbedarf. Die Unübersichtlichkeit der globalisierten Politik und Ökonomie lässt es auch Gutwilligen oft am wichtigsten erscheinen, zuerst die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Schnell als Ideologe, ja als Freund des Staatssozialismus diskreditiert sieht sich, wer unter diesen Bedingungen den Kampf gegen zunehmende soziale Ungleichheit nicht als Gegensatz zur Freiheit begreift, sondern als deren Bedingung.
Die Mittelschichten, immer ein Kern bürgerlichen Engagements, sind durch internationale Niedriglohn-Konkurrenz sowie eine verfehlte Wirtschafts- und Sozialpolitik ins Bröckeln geraten. Das klassische Proletariat mit seiner kämpferischen Tradition zerfällt in aufstiegsorientierte Profis der postindustriellen Gesellschaft einerseits und eine unorganisierte, marginalisierte, politisch passive Unterschicht andererseits.
Das letzte Wort sollte all das nicht sein. Auch die Menschen in der DDR, die aufstanden, um sich zum Handeln zu ermächtigen, konnten nicht ahnen, dass sie eine Erfolgschance hatten. Sie hätten mehr Anlass zur Resignation gehabt als jeder Einzelne, der sich heute zurücklehnt, "weil man sowieso nichts ändern kann". Wir verschleudern das Erbe der friedlichen Umwälzung Osteuropas, wenn wir es nicht übertragen auf die Erfordernisse der Gegenwart.