Iwan "John" Demjanjuk, ehemaliger KZ-Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, 89 Jahre alt. Sándor Kepiro, als ungarischer Polizist mutmaßlich am Massaker an Zivilisten im serbischen Novi Sad beteiligt, 95 Jahre alt. Milivoj Asner alias Georg Aschner, als Polizeichef des kroatischen Ustascha-Regimes für die Deportation Tausender Juden und Roma mitverantwortlich, 96 Jahre alt - drei der "meistgesuchten" Kriegsverbrecher des NS-Regimes und seiner Verbündeten, deren Aufenthalt bekannt ist, deren Strafverfolgung bislang juristische Probleme verhinderten. Demjanjuk wird nun nach langem Hin und Her aus den USA abgeschoben. Die Münchner Justizbehörden erwarten, dass er am Dienstag dort ankommt.
Am Stammtisch, im Bäckerladen, von Bekannten hört man jetzt wieder: Lasst die alten Männer doch in Ruhe. Was bringt es, die noch vor Gericht zu schleppen. Davon wird keiner mehr lebendig. Es stimmt schon: Den vergasten Juden, den ermordeten Schwulen, den massakrierten Zivilisten, den zu Tode gefolterten Demokraten nutzt es nichts, wenn ein NS-Kriegsverbrecher verurteilt wird. Aber es nutzt uns.
Ein Rechtsstaat funktioniert nicht, wenn er Ausnahmen macht. Schon gar nicht, wenn der Grund dafür eigenes Versagen wäre: Die alten Männer blieben nur deshalb so lange unbehelligt, weil die Bundesrepublik es so lange nicht geschafft hat, die Verbrechen der Jahre 1933 bis 1945 zu ahnden.
Die Entnazifizierung durch die Alliierten, die Persilscheine auch Belasteten ausstellten, wenn sie deren Dienste brauchen konnten, wusch den Braunschleier aus dem Gewissen der Deutschen - oberflächlich, nicht porentief. Die junge Bundesrepublik blieb von alten Nazis, ihren Mitläufern und Erfüllungsgehilfen durchsetzt.
Erinnert sei an Hans Globke, Erfinder der Zwangsvornamen "Sarah" und "Israel" für Juden und Kommentator der Nürnberger Gesetze, nach 1949 einer der engsten Berater Adenauers. Aus Angst vor Belastungsmaterial gegen Globke sorgte derKanzler dafür, dass Adolf Eichmann nicht von der CIA verhaftet wurde. Der israelische Mossad musste den Organisator des Holocaust 1960 illegal aus Argentinien entführen.
Erst betäubte der Wirtschaftswunderdusel die schwärenden Wunden, dann war im Kalten Krieg jeder suspekt, der darin stocherte, statt die Reihen zu schließen. Alois Brunner, Eichmanns rechte Hand, arbeitete in Syrien auch als Informant für den deutschen Geheimdienst. Die Täter rehabilitierten sich durch die Hintertür. Es soll noch heute baden-württembergische Ministerpräsidenten geben, die NS-Marinerichter mit Widerstandskämpfern verwechseln.
Auf den Berg, das Gebirge von Schuld, das die Deutschen auf sich geladen hatten, häuften die Nachgeborenen die Schande, die Täter nicht der Gerechtigkeit zugeführt zu haben. Denn darum geht es in Fällen wie denen Demjanjuks - nicht um weniger, aber auch nicht um mehr.
Für einen wie Demjanjuk braucht man kein Sondertribunal wie einst in Nürnberg. Die meisten der "Meistgesuchten" auf der Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums sind wie er gewöhnliche Mörder, durchschnittliche Nazi-Schergen, Mittäter, nicht Anstifter von Völkermord und Kriegsverbrechen. Die sind vor der irdischen Gerechtigkeit sicher: Wer bei Kriegsbeginn 1939 in verantwortungsvoller Position war, war kaum unter 30 Jahre alt - wäre also heute 100.
Dass Demjanjuk KZ-Wachmann war, haben israelische und US-Gerichte für erwiesen erklärt. Der aktuellen Anklage zufolge wurden während seiner Zeit in Sobibor mindestens 29.000 Juden ermordet. Sobibor war ein reines Vernichtungslager, jeder Wachmann dort muss zwangsläufig der Beihilfe zum Mord schuldig sein. Und Mord verjährt nicht - aus gutem Grund; das absichtliche Töten eines Menschen aus niederen Beweggründen ist eine der schwersten denkbaren Störungen des gesellschaftlichen Friedens. Warum sollte dann gerade Massenmord verjähren?
Mag sein, dass Demjanjuk das Urteil nicht mehr erleben wird oder es nie vollstreckt werden kann, weil er für haftunfähig erklärt wird. Darum geht es nicht. Es geht um den Beweis, dass deutsche Behörden wenigstens heute, 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, dazu in der Lage sind, einen NS-Kriegsverbrecher abzuurteilen.
Das sind wir den Opfern schuldig - aber auch uns selbst, unserer Demokratie, unserem Gemeinwesen. Den Schatten der NS-Verbrechen wird Deutschland nie wieder los; aber es ist an uns, ihn mit dem Licht der Wahrheit ein wenig zu erhellen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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