So darf es nicht weitergehen. Merkels Herausforderer kann nur Steinmeier heißen. Das garantiert den Wahlerfolg nicht, aber alles andere ist die Garantie für ein Debakel. Von Karl Doemens
Karl Doemens leitet das Berliner Büro der Frankfurter Rundschau.
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Keine überraschenden Bekenntnisse. Keine spektakulären Forderungen. Und doch: Wann hat man zuletzt einen führenden Sozialdemokraten so reden hören wie Franz Müntefering im Hofbräukeller? So kämpferisch. So emotional. So eingängig. Mit wenigen Worten zieht er eine rote Linie durch die Geschichte der Sozialdemokratie, bindet unpopuläre Reformen mit der Sicherung des Wohlstands zusammen, ätzt über Unions-Politiker, die "sich in die Büsche schlagen", und zeigt Führungswillen: "Heißes Herz und klare Kante ist besser als Hose voll", heißt das im Münte-Sprech.
Es fällt schwer, nicht wehmütig zu werden. Also mit kühlem Kopf: Müntefering ist nicht die Lösung für die Probleme der zerrissenen SPD. Der populäre 68-Jährige kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die dramatische Annäherung der Umfragewerte der Genossen an die der Linkspartei zu stoppen. Tatsächlich verdeutlicht die mythologische Überhöhung des Ex-Vorsitzenden aber vor allem, wie gewaltig das reale Führungsvakuum der SPD ist.
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Vergleiche sind immer schwierig und können verletzen. Aber so viel muss man doch sagen, wenn man sich nicht länger in die Tasche lügen will: In der Schärfe der Analyse, der Frische der Präsentation und der Kunst der Rhetorik liegen Welten zwischen dem ehemaligen und dem amtierenden SPD-Vorsitzenden.
Münteferings größtes Pfund beim Wähler aber ist seine Glaubwürdigkeit. Anders als dem glücklosen Kurt Beck nehmen ihm die Wähler seine Absage an ein rot-rotes Bündnis im Bund ab. Beck hat im Umfeld der Hessen-Wahl nicht nur schwerste strategische Fehler gemacht. Auch inhaltlich fährt er einen befremdlichen Zick-Zack-Kurs.
Franz Müntefering - seine politische Karriere
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Franz Müntefering - seine politische Karriere
Als Müntefering im Oktober 1993 sein Land Nordrhein-Westfalen bei der Konferenz der Arbeits- und Sozialminister vertritt, hat er schon einige Stationen hinter sich: 1969 bis 1979 Stadtrat von Sundern (Hochsauerlandkreis), 1975 bis 1992 Bundestagsabgeordneter, von 1990 bis 1992 zudem parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion.
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Von 1996 bis 1998 bleibt Müntefering einfaches Mitglied im nordrhein-westfälischen Landtag. Zugleich ist er seit 1995 wieder auf Bundesebene aktiv: als Bundesgeschäftsführer. Hier rechts im Bild verabschiedet er den langjährigen Ministerpräsidenten Johannes Rau (Mitte). Mit dabei (von links): Oskar Lafontaine und Wolfgang Clement.
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1998 wird der Sauerländer zum Landesvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen gewählt. Diesmal gratulieren Rau und Clement.
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In Berlin greift Müntefering im April 1998 zum Besen, um seine politische Postitionsbestimmung plakativ zu veröffentlichen.
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Mit den Ideen des Herrn rechts im Bild möchte Müntefering jedenfalls nicht viel zu tun haben.
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Den Bundestagwahlkampf 1998 leitet er für die SPD; hier eine Antwort auf die Rote-Socken-Kampagne der Union.
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Die Mühe lohnt sich: Die SPD stellt mit Gerhard Schröder den Bundeskanzler. Oskar Lafontaine (links) und Müntefering (hinten rechts) freuen sich mit ihm.
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Müntefering sitzt nun als Minister im Bundestag - zunächst für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen.
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Nach der Vereidigung: Müntefering samt neuem Kabinett zum Antrittsbesuch bei Bundespräsident Roman Herzog.
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Pressekonferenz im September 1999: Müntefering wird wieder zusätzlich Bundesgeschäftsführer; Ottmar Schreiner hatte dieses Amt zwischenzeitlich für ein Jahr übernommen.
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Kommunalwahlkampf im heimischen Nordrhein-Westfalen: Müntefering, Peiner Priggen (Grüne) und Jürgen Rüttgers (CDU) in der Fernsehdiskussion der Elefanten.
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Nicht alles gelingt Müntefering: Auf dem Düsseldorfer Parteitag im Jahr 2000 scheitern die Pläne für eine Parteireform in Nordrhein-Westfalen.
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Eine weitere unangenehme Sache in Münteferings Karriere: Er muss im Jahr 2002 vor dem Parteispenden-Untersuchungsausschuss aussagen. Es geht um Spenden in Nordrhein-Westfalen.
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Im September 2002 nimmt Müntefering erstmals diese Glocke in die Hand. Es ist die des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. Bis Ende 2005 leitet er die Abgeordnetenrunde.
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Der nächste Schritt auf dem Weg nach oben: Der SPD-Sonderparteitag wählt im März 2004 Müntefering mit 95,1 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Gerhard Schröder als Bundesvorsitzender.
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Die Freude hält nicht lange an: Nach einem Krach im Parteivorstand kündigt Müntefering an, auf dem Parteitag 2005 nicht mehr als Vorsitzender zu kandidieren.
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Viele Mitglieder wollen ihn weiter im Amt sehen, starten eine Internet-Initiative. Es nutzt nichts. Matthias Platzeck wird sein Nachfolger als Parteivorsitzender.
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Doch egal wie die Gesamtwetterlage in der Partei ausfällt - wenn er die Genossen vor Ort unterstützen kann, macht sich Müntefering auf den Weg auch in kleine Städte. Es geht in die Wetterau (März 2001),...
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... ins Bürgerzentrum im hessischen Karben in einer Funktionärskonferenz des Bezirks Hessen-Süd (Februar 2004),...
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Müntefering spricht in der Trauerfeier für den Widerstandskämpfer und SPD-Politiker Rudi Arndt in Frankfurt am Main (Mai 2004)...
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... und singt, wenn's sein muss, auch Wanderlieder - hier mit einer Kleingärtner-Musikgruppe in Mönchengladbach.
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Im Schiff auf der Weser erläutert er, warum er das Wahlprogramm der CDU nicht gut findet (Januar 2005)...
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... und lässt sich vom Präsidenten des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, über Probleme in der Landwirtschaft aufklären.
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Bald wird das zu viel für seine Gesundheit: In einer Wahlkampfveranstaltung in Homburg an der Saar bricht Müntefering am Rednerpult zusammen; Parteifreunde stützen ihn (24. August 2005).
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Rote Nelken zum 65. Geburtstag: eine Geste der Beschäftigten der SPD-Parteizentrale und des Präsidiums (Januar 2005).
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Auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe wirbt Müntefering für die Vereinbarung mit der Union (November 2005).
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Die beiden werden ein gutes Gespann: Müntefering als Arbeitsminister und Vizekanzler, Angela Merkel (CDU) als Bundeskanzlerin.
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Münterfering und Merkel halten die Koalition zusammen.
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Am 13. November 2007 ruft Münterfering die Presse - und verkündet seinen Rücktritt aus allen Ämtern.
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Er will sich mehr um seine schwerkranke Ehefrau Ankepetra kümmern.
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Den Ball gibt er an andere weiter.
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Sein Nachfolger als Bundesarbeitsminister wird Olaf Scholz (zweiter von rechts), Vizekanzler Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.
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Der Tod seiner Frau hat Müntefering sichtlich zugesetzt. Das Bild zeigt den Politiker auf einem SPD-Sommerfest in Rösrath bei Köln.
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Anfang September 2008 tritt Müntefering in München erstmals wieder in größerem Rahmen auf. Der Jubel ist groß.
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Nach einem Jahr als einfacher Bundestagsabgeordneter kehrte er im September 2008 auf die politische Bühne zurück und wurde im Oktober zum Nachfolger von Kurt Beck als SPD-Chef gewählt.
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Gemeinsam mit SPD-Kanzlerkandidat, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, zieht Müntefering in Bundestagswahlkampf 2009. Am Templiner See in Potsdam stellen sie im Rahmen ihrer zweitägigen Klausurtagung stellten ihr Kompetenzteam vor.
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Die Wahl wird zum Debakel für die SPD. Müntefering gesteht die Niederlage ein und kündigt seinen Rückzug von der Parteispitze an.
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Franz Müntefering wird vermutlich nicht mehr als SPD-Parteichef kandidieren. Wir schauen zurück auf seine politische Karriere.
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Linkspartei in der Krise
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Im Ergebnis macht der hessische Landesverband, was er will. Und die Öffentlichkeit würde sich nicht mal wundern, wenn die Genossen die ziemlich angestaubte Abrechnung einer kleinen Gruppe zweitrangiger Funktionäre mit der Agenda 2010 zur offiziellen SPD-Linie erklären und dann Wahlkampf gegen ihre eigene Politik machen würden.
Das ist verheerend für eine Regierungspartei, die eigentlich nicht die eigene Befindlichkeit, sondern die Zukunft des Landes gestalten soll. Entsprechend katastrophal sehen die Umfragewerte der Sozialdemokraten aus. Selbst in seinem Heimatland Rheinland-Pfalz stürzt Becks Partei um neun Punkte und verliert die Mehrheit.
So darf es nicht weitergehen mit der SPD. Einen erneuten Wechsel des Vorsitzenden aber kann sich die Partei kaum leisten. Umso wichtiger ist es, dass sie mit der Nominierung des Kanzlerkandidaten ein überzeugendes Zeichen des Neuanfangs setzt.
Nach Lage der Dinge kann der Herausforderer von Angela Merkel nur Frank-Walter Steinmeier heißen. Das ist keine Garantie für den Wahlerfolg. Aber alles andere wäre die Garantie für ein Debakel. Das spürt die Bevölkerung. Das weiß die SPD. Aber akzeptiert es auch Kurt Beck?
Der Pfälzer hat zuletzt die Karten extrem nah vor der Brust gehalten. Selbst die engste Parteiführung weiß nicht, was er will. Das entscheidende Vier-Augen-Gespräch mit Steinmeier hat offenbar bis heute nicht stattgefunden.
Das lässt Schlimmes befürchten: ein weiteres Hinauszögern der Entscheidung über den geplanten Hessen-Umsturz und den CDU-Parteitag hinaus bis zum Jahresende. Oder vielleicht sogar - aus Trotz und verletzter Eitelkeit - die Eigenbewerbung des Vorsitzenden.
Zahlreiche kluge Argumente ließen sich in der Vergangenheit dafür finden, den Kandidaten nicht zu früh zu benennen und damit möglicherweise zu verbrennen. Doch angesichts des desolaten Zustands der SPD wäre eine Hängepartie inzwischen das größere Übel.
Spätestens zur Bayern-Wahl muss Steinmeier gekürt werden - und zwar mit Müntefering als Wahlkampflokomotive und einem Programm, das zu ihm passt. Würde die SPD dann weiter über ihre Richtung streiten, wären die Wahlchancen endgültig dahin. Daran können auch die Realo-Linken kein Interesse haben.
Für Beck bleibt in diesem Szenario die deutlich kleinere Rolle, die aber Großes abverlangt: den Weg zu ebnen für den besseren Kandidaten und ihm den Rücken freizuhalten. Würde der Pfälzer die Weichen so stellen, könnte er sich für 2009 immerhin einen ehrenvollen Abschied vom Berliner Parkett sichern.
Sollte er den nötigen Wechsel aber verschleppen, muss er mit massiven Gegenreaktionen aus der Partei rechnen. Auch so kann man den Auftritt von Müntefering begreifen: Der Ruf nach Führung und "klarer Kante" klingt dann wie eine demonstrative Drohung.