Seit Tagen hat sich Asif Ali Zardari nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen. Angeblich hat er sich im weitläufigen Präsidentenpalast verkrochen. In völliger Verkennung der Realität hatte sich der Präsident Pakistans bis zuletzt geweigert, den heftigen Protesten des Volkes nachzugeben. Es mehren sich Gerüchte, dass Armeechef Ashfaq Kayani und Premier Yousuf Raza Gilani am Ende über seinen Kopf hinweg entschieden, um in allerletzter Minute eine blutige Kraftprobe auf den Straßen abzuwenden.
Sicher ist: Der Bhutto-Witwer Zardari hat sich mit dem von ihm selbst provozierten Duell mit Oppositionschef Nawaz Sharif ins politische Abseits manövriert. Selbst wenn Zardari offiziell Präsident bleiben sollte, dürfte seine Macht alsbald beschnitten werden. Und das sind gute Nachrichten für das Land, das seit längerem von einer Krise in die andere taumelt. Zardari ist nach sieben Monaten nicht nur im Volk verhasster als der frühere Militärherrscher Musharraf nach acht Jahren. Vielen Pakistanern gilt er auch bereits als der schlimmere Diktator.
Der Sieg der von der Anwälten geführten Protestbewegung hat nicht nur die demokratischen Kräfte gestärkt. Er bietet die Chance für einen Neuanfang: Ein Jahr nach den Wahlen zeichnet sich eine neue Machtstruktur ab, die die Hoffnung schürt, dass sich die großen Kräfte zusammenraufen, um das Land aus Terror und Wirtschaftskrise zu führen. Drei Männer spielen die Schlüsselrollen: Armeechef Kayani, Premierminister Gilani und schließlich Oppositionschef Sharif, der als strahlender Sieger dasteht.
In der Regierung schickt sich der auf Ausgleich bedachte, staatsmännische Gilani an, das Heft in die Hand zu nehmen. Er will die große Koalition zwischen der Bhutto-Partei PPP und Sharifs Muslim-Liga wiederbeleben, die bereits wenige Monate nach den Wahlen zerbrochen war. Gilani bleibt auch kaum etwas anderes übrig. Sharif steht derart mächtig da, dass niemand mehr gegen ihn regieren kann. Letztlich scheinen das auch die USA begriffen zu haben, die ihn wegen seiner Nähe zu den Islamisten lange gemieden hatten.
Die Haltung war falsch. Der "Löwe des Punjab" mag den Vereinigten Staaten nicht passen, aber er ist eindeutig der beliebteste Politiker Pakistans. Washington muss alles daran setzen, Sharif einzubinden, denn dieser bleibt auch der große Risikofaktor. Die Sorge ist begründet, dass Sharif der Triumph zu Kopf steigt. Er könnte versucht sein, nach kurzen politischen Flitterwochen das große Land wieder in zermürbende Machtkämpfe zu stürzen, um vorgezogene Wahlen zu erzwingen. Eine Verlängerung der Instabilität wäre das letzte, was Pakistan braucht.
Die Lage dort erscheint inzwischen noch verfahrener als im benachbarten Afghanistan, verfahrener und gefährlicher. Und das nicht nur, weil der islamische Staat über Atomwaffen verfügt, die in falsche Hände fallen könnten. Indien fürchtet bereits, dass der Terror überschwappt und die ganze Region destabilisieren könnte. Es scheint, als ob die Hardcore-Militanten, die das pakistanische Militär und den Geheimdienst ISI einst hochpäppelten, um sie als Kettenhunde gegen Indien loszuschicken, außer Kontrolle sind. Diese Profi-Terroristen bomben nicht nur in Pakistan, sondern können mit Anschlägen wie in Bombay weltweit Tod und Schrecken verbreiten.
Die Hauptbürde im Anti-Terror-Kampf lastet auf einem Mann, der sich klugerweise im Hintergrund hält: Armeechef Kayani. Der ehemalige Spionagechef scheint erkannt zu haben, dass der Terror längst auch das Überleben Pakistans gefährdet. Mit seinem Kurs mutet Kayani dem Land allerdings eine Zerreißprobe zu, die im Westen unterschätzt wird. Große Teile des Volkes und viele Soldaten empfinden die Offensive gegen die Taliban in den Grenzprovinzen als Bürgerkrieg gegen das eigene Volk.
Die Extremisten haben noch immer mächtige Gönner und Gesinnungsgenossen im Militär und im Geheimdienst, denen der prowestliche Kurs Kayanis ebenfalls nicht schmeckt. Nur wenige Stunden nachdem Kayani die Krise zwischen Sharif und Zardari auf Drängen der USA mit einem Machtwort beendete, riss ein Selbstmordattentäter in der Garnisonsstadt Rawalpindi 17 Menschen in den Tod. Es war eine deutliche Kampfansage an Kayani und seine Politik. Der General sollte gut auf sich aufpassen. Er muss nicht nur Attentate fürchten. Seine gefährlichsten Feinde könnten in nächster Nähe sitzen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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