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Leitartikel: Zölibat unter Verdacht

In der offenen Gesellschaft gibt es für die Kirche keine Reservate und keinen Artenschutz. Sie muss sich den Missbrauchsvorwürfen stellen - ohne Heimlichtuerei. Von Joachim Frank

Joachim Frank ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Joachim Frank ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR/Kraus

Zölibatär - verklemmt - pädophil - kriminell. In rasanter Folge klackern jetzt wieder die Begriffe, seit der sexuelle Missbrauch von Schülern durch Jesuiten-Patres am Berliner Canisius-Kolleg bekanntgeworden ist. In einem Männer-Kollektiv, das seinen Geschlechtstrieb seit dem Mittelalter mit einem Sex-Verbot auf Lebenszeit deckelt, wird der Druck im Kessel halt irgendwann übermächtig. Soll sich also keiner wundern, wenn Patres und Pastöre sich an kleinen Jungs vergreifen.

Das Argument wirkt so einleuchtend, dass seine bedenkliche anthropologische Prämisse kaum auffällt: Den Sexualtrieb nicht auszuleben, wäre demnach kaum möglich ohne gravierende psychische Schäden. Oder anders gesagt: ohne Sex kein normales Leben. Das mag als plausibel erscheinen in einer Gesellschaft, in der die Potenz ständiger Gesprächsstoff ist. Es widerspricht aber aller Erfahrung: Sexuelle Abstinenz kommt in den besten Ehen vor, die meisten Kulturen kennen sozial hoch geachtete Modelle dauerhafter Enthaltsamkeit. Und am Ende kann die Dampfkessel-Theorie den Kindesmissbrauch durch Täter nicht erklären, deren Sexualleben frei von Zölibatspflicht und kirchlicher Kuratel ist.

Trotzdem sind die wachsenden Vorbehalte gegen die Ehelosigkeit der Priester ein zentrales Problem für die Kirche. Zum einen haben sie zu einer Art Wagenburgmentalität geführt, zum anderen geht dem Zölibat die soziale Legitimation verloren, so dass er tatsächlich als Fremdkörper, als versteinertes Überbleibsel vergangener Epochen erscheint. Der Klerus spürt, dass seine Lebensform kaum noch verstanden oder gar unter Generalverdacht gestellt wird. Einstmals wesentliche Motive für den Zölibat sind hinfällig geworden, speziell die über Jahrhunderte tradierte Leibfeindlichkeit der katholischen Theologie und ein negatives Frauenbild. Als geistliches Zeichen - "um des Himmelreiches willen" - ist der Zölibat selbst praktizierenden Katholiken fremd. Ein fast mitleidiges "Für mich müssten Sie aber nicht so leben, Herr Kaplan" bekommen schon die jungen Geistlichen in ihren Pfarreien zu hören.

Damit klafft im Profil des geistlichen Amtes eine gewaltige Leerstelle. Das wiederum hat gravierende Folgen für den Priesternachwuchs: Für welchen jungen Mann ist ein Berufsbild noch attraktiv, das nicht nur mit Dauerstress und struktureller Überforderung aufwartet (Stichwort: Priestermangel), sondern obendrein mit schwindendem Rückhalt für eine so existenzielle Entscheidung wie den Verzicht auf Ehe und Familie? Viele Ausbilder wissen um die Gefahr einer Negativ-Auslese und sehen sich mit dem Problem konfrontiert, an eine immer kleinere Zahl von Kandidaten für das Priesteramt immer strengere Maßstäbe anlegen zu müssen.

Hinzu kommt, dass viele Bischöfe einst auf einer niedrigeren Stufe ihrer Karriereleiter direkt oder indirekt mit der Aus- und Fortbildung der Priester betraut waren. Jeder Fall von Kindesmissbrauch stellt damit die eigene Menschenkenntnis, die Kompetenz und die Sorgfalt in der Personalauswahl in Frage. Die kirchlich Verantwortlichen kennen die Täter oft seit Jahrzehnten und verfallen nur allzu leicht in den Reflex, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Der Zölibat erweist sich somit sehr wohl als ein Strukturproblem - weit über die Frage einer gestörten Sexualität einzelner Geistlicher hinaus. Doch darüber reden nur die wenigsten Bischöfe offen. Die meisten fühlen sich von Feinden der Kirche und den bösen Medien verfolgt und halten verbissen dagegen. Das trübt ihren Blick und hemmt ihre Kräfte im schonungslosen Kampf gegen Kindesmissbrauch. Vordergründig und mit gutem Recht machen sie geltend, dass jeder Vorwurf sorgfältig zu prüfen sei, um fälschlich Beschuldigte womöglich vor der Vernichtung ihrer sozialen Existenz zu bewahren. Aber zugleich schwingt die Angst vor dem Skandal mit, dem Makel, dem Ansehensverlust.

Dabei ist das weitaus größere Übel doch das Vertuschen und Verharmlosen - strafrechtlich, moralisch und medial. Das gilt umso mehr, wenn durch ein bloßes Versetzen der Täter - wie im Berliner Fall - noch mehr Kinder in Gefahr geraten. Es ist verbrecherisch, skrupellos wie dumm, solcher Vergehen mit Heimlichtuerei Herr werden zu wollen. Und es ist zutiefst reaktionär: In der offenen Gesellschaft gibt es für die Kirche keine Reservate und keinen Artenschutz. Das anzuerkennen, hat für Papst und Bischöfe mindestens so viel mit der Ankunft in der Gegenwart zu tun wie eine Debatte über die Zukunft des Zölibats.

Autor:  Joachim Frank
Datum:  3 | 2 | 2010
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