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02. Februar 2011

Leitartikel zu Ägypten: Ungeordnete Sehnsucht

 Von 
Katharina Sperber 

Der Westen hat die Fackel der Freiheit zur Funzel verkommen lassen. Er sollte sich jetzt hüten, den Menschen in Nordafrika den „geordneten Übergang“ aus der Diktatur zu empfehlen.

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Ägyptens Despot Husni Mubarak schlurft jetzt zum Ausgang. Es hat eine Woche gedauert, bis der Westen, allen voran die USA, den 82-Jährigen dazu bewegen konnte, im September nicht mehr zur Präsidentenwahl anzutreten. Auch sein Sohn ist weg vom Fenster. US-Präsident Barack Obama, Mister Change und Friedensnobelpreisträger, hofft mit dem Abgang des Mubarak-Clans auf einen „geordneten Übergang“.

Aber liegt ein solch geordneter Übergang im Interesse der Ägypter? Was bringt es ihnen, wenn jetzt der ehemalige Geheimdienstchef Omar Suleiman die Geschicke des Landes gemeinsam mit der Armee lenken sollte? Nichts, gar nichts. Schlimmer noch, ein solcher Übergang würde sie ihrer Würde berauben, sie wieder in den Staub werfen, aus dem sie gerade aufgestanden sind.

Man möge sich nur einmal vorstellen, als im November 1989 eine Million Ostdeutsche auf dem Alexanderplatz für ihre Freiheit demonstrierten, hätte der Westen den Vorschlag gemacht, Erich Mielke, Chef der verhassten Staatssicherheit, würde an der Spitze des Staats für einen geordneten Übergang sorgen. Im Rückspiegel wirkt ein solches Szenario geradezu bizarr.

Und doch hatte der Westen Jahrzehnte gebraucht, um den Freiheitswillen Osteuropas anzuerkennen. Argwöhnisch blickten vor allem Linke auf die Solidarnosc-Bewegung in Polen, auf die Friedens- und Umweltgruppen in der DDR. Man hatte sich eingerichtet in der bipolaren Welt, in der die im Westen Freiheit hatten und die im Osten unfrei leben mussten. Wer diese wie in Stein gemeißelte Ordnung anzweifelte, wurde schnell zum Spinner oder gar zum Revanchisten gestempelt. Realpolitik nannte man das. Doch was ist daran real, wenn die Wirklichkeit einer sich emanzipierenden Zivilgesellschaft verleugnet wird? Es ist nicht real, sondern das Verhalten von Affen: Einer hält sich die Ohren zu, der zweite die Augen, und der dritte schweigt oder spricht, wenn er den Mund aufmacht, dummes Zeug.

Lobhudelei für einen Unterdrücker

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle nannte im vergangenen Mai Husni Mubarak noch „einen Mann mit enormer Erfahrung und großer Weisheit“. Das war Lobhudelei für einen Unterdrücker, der seit dreißig Jahren ein Land im Ausnahmezustand hält, enorme Erfahrung im Foltern hat und seine Weisheit längst gegen korrupte Gerissenheit getauscht hatte.

Seit dem 11. September 2001, als die Türme des World Trade Centers in New York zusammenkrachten, sind wir auf einer falschen Spur. Furchtsam starren wir fast nur noch auf einen angeblich wachsenden Islamismus. Wir? Ja, wir. Auch viele Journalisten glaubten ihren Korrespondenten nur dann, wenn sie von verarmten Mittelschichten in den arabischen Staaten berichteten, die sich islamisch radikalisierten. Alles andere erklärten viele von uns zur Randerscheinung. Wir gruselten uns lieber, statt aufzuklären.

Wir haben die Fackel der Freiheit zur Funzel verkommen lassen und damit unsere Werte der Demokratie und universellen Menschenrechte kaum noch gesehen. Wir haben uns selbst geschadet und aus purer Angst unsere Freiheiten beschneiden lassen oder selbst beschnitten. Kein Wunder, dass wir uns vor dem Islamismus fürchten, wenn wir Freiheit nur noch gering schätzen – unsere eigene und die der anderen.

Jetzt heißt es im politischen Berlin, wir hätten im Nahen Osten Stabilität mit Stagnation verwechselt. Das haben wir nicht, wir haben einfach weggeschaut. Ägypten stagniert gar nicht. Das Militär gedeiht prächtig, gepäppelt mit Milliarden US-Dollar. Die Wirtschaft floriert, deutsche Unternehmen machen gute Geschäfte. Nur die meisten Ägypter haben nichts davon. Uns hat das bisher nicht geschert. So wenig wie es uns jetzt wirklich schert, was in Libyen oder Saudi-Arabien geschieht. Wie viele sind schon verhaftet worden? Keine Ahnung, aber ruhig ist es.

Wir müssen anerkennen, dass die Ägypter ihren eigenen Weg gehen wollen, ohne die alte Generalität, ohne westliche Einmischung. Auf dem Midan at-Tahrir, dem Platz der Befreiung in Kairo, sehen wir keine bärtigen Hassprediger, sondern Menschen, die nach Demokratie rufen. Sie sind nicht organisiert? Sie haben keine Erfahrung, ein Land zu gestalten? Wissen nicht, mit der Macht umzugehen?

Sie sind gebildet, weltweit vernetzt und entschlossen, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Helfen wir ihnen. Und hören wir endlich auf wegzusehen.

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