Aktuell: Terror in Paris | Kolumne "Gastwirtschaft" | Skispringen, Wintersport | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Eintracht Frankfurt

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

18. Oktober 2012

Leitartikel zu Annette Schavan : Der Fanatismus der Transparenz

 Von 
Bildungsministerin Annette Schavan im Bundestag.Foto: dapd

Die Plagiatsvorwürfe gegen Bildungsministerin Annette Schavan beschädigen den Ruf der Wissenschaften. Gleichzeitig drücken sie einen unangenehmen Wunsch aus: Politiker sollen in allen Lebensbereichen peinlich genau kontrolliert werden.

Drucken per Mail

Bei Sigmund Freud, räumte Wissenschaftsministerin Annette Schavan im Zusammenhang mit den Plagiatsvorwürfen gegen ihre Dissertationsschrift ein, sei sie damals noch ziemlich verdruckst gewesen.

Inzwischen sind erhebliche Zweifel angebracht, ob diese niedliche Ausdrucksweise den Sachverhalt angemessen beschreibt. Dass die Ministerin in ihrer 1980 verfassten Doktorarbeit nicht nur unsauber gearbeitet, sondern in Teilen auch eine plagiierende Vorgehensweise gewählt hat, wird von Experten kaum mehr bestritten. Unklar ist aber weiterhin, ob die Vorwürfe eine Aberkennung der Doktorwürde zur Folge haben müssen.

Verständliche Gegenwehr

Anders als im Fall des Ex-Verteidigungsministers zu Guttenberg steht Anette Schavan nicht im Verdacht, ihre Promotionsarbeit als vollständiges Plagiat angelegt zu haben. Ganz und gar nicht verdruckst hat die Wissenschaftsministerin nun in das Prüfungsverfahren der Universität Düsseldorf eingegriffen. Über ihre Anwälte erwirkte sie am Mittwoch, dass die Universitätsleitung keine Auskünfte zum laufenden Vorgang an die Öffentlichkeit geben darf.

Die juristische Gegenwehr ist allemal verständlich. Nahezu hilflos musste Schavan zuletzt mit ansehen, wie ihre wissenschaftliche Reputation zum Spielball öffentlicher Meinungskämpfe geworden war. Obwohl sich die weitere Behandlung des Falls hinter den verschlossenen Türen der Heinrich Heine-Universität abspielen wird, ist er längst zu einem Politikum geworden, für das es kaum noch eine befriedigende Lösung geben kann. Zu welcher Entscheidung auch immer der Fakultätsrat der Universität am Ende kommen mag, sie wird unter erheblichem politischen Druck zustande gekommen sein.

Ansehensverlust akademischer Titel

Der angerichtete Flurschaden ist in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern zu besichtigen. Betroffen ist einmal mehr die Wissenschaft, die im Sog der massenhaften Durchforstung der Arbeiten prominenter Amtsträger nicht den Eindruck erweckt, selbstbewusst die Standards des wissenschaftlichen Arbeitens verteidigen zu können. Insbesondere die Geisteswissenschaften werden durch jede neue Plagiatsaffäre mit dem Makel konfrontiert, es bei der Bewertung der Arbeiten nicht sonderlich genau genommen zu haben.

Dass eine schriftliche Arbeit lediglich das Eintrittsbillett in den wissenschaftlichen Betrieb, nicht aber der vollständige Beleg für eine erbrachte Leistung ist, geht angesichts des Jagdeifers einer frei flottierenden Zitatguerilla allzu schnell unter.

Im forcierten Doktoren-Outing leistet sich die Wissensgesellschaft einen Ansehensverlust akademischer Titel, ohne dass die jeweiligen Umstände von dessen Erwerb und Geltung näher zur Kenntnis genommen werden. So war die Promotion für die Studentin Schavan die einzige Möglichkeit, zu einem akademischen Abschluss in den Erziehungswissenschaften zu kommen. Den später üblichen Magistergrad gab es zu ihrer Zeit noch gar nicht.

Attacke auf das politische Selbstverständnis

Beschädigt ist aber auch die politische Klasse, und das nicht nur, weil einige ihrer Protagonisten den Eindruck erwecken, den im Nebenbei der politischen Karriere erworbenen Titel als schmückendes Accessoire zu führen. Keine Sekunde lang dürfte die Opposition darüber nachgedacht haben, den Fall Schavan als Präzedenzfall für einen markanten Wandel des Politikerbildes in der Öffentlichkeit zu nehmen. Zu verlockend scheint der mögliche Rücktritt einer Ministerin, als dass man in den Angriffen gegen Schavan auch eine Attacke auf das politische Selbstverständnis erblicken könnte.

Der unerbittlich nach Schwachstellen abgetastete Abgeordnete ist letztlich ein in seiner politischen Freiheit beschränkter Abgeordneter. Der Fanatismus der Transparenz, der Plagiatejäger ebenso beseelt wie jene, die einen in allen Lebensbereichen einsehbaren politischen Repräsentanten wollen, ist auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Schadensfalls, dessen ganze Dimension noch gar nicht erfasst scheint. Bislang reichten bürgerliche Gesetze und die Regeln des Parlamentarismus aus, um die besondere Stellung politischer Repräsentanten einerseits zu begrenzen und ihnen andererseits zusätzliche Freiheiten für ihre Arbeit im Dienste der Wähler einzuräumen.

Aus der radikalen Egalität des Internets und dessen Möglichkeiten, personenbezogene Daten zu durchforsten und zu speichern ist jedoch eine neue Reinheitskultur entstanden. Immer öfter geht daraus eine selbst ernannte Tugendpolizei hervor. Der von niemanden eingesetzte und kaum mehr beherrschbare Kontrollwahn hat längst auch Auswirkungen auf die bürgerliche Freiheit. Wer immer mehr politische Transparenz fordert oder sie kurzerhand online stellt, sollte sich auch Rechenschaft darüber geben, wo diese individuelle Freiheit nimmt.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Griechenland

Schaden für Europas Linke

Von  |
Ein Schuldenschnitt ist in vielen Ländern der EU politisch nur schwer durchzusetzen, weil er letztlich auch auf Kosten der Steuerzahler geht.

Dass Griechenlands neuer Premier ausgerechnet eine Koalition mit den Rechtspopulisten eingeht, ist ein schlechtes Omen. Man kann nur hoffen, dass Syriza nicht daran zerbricht. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Pegidas politische Stichwortgeber

Auch wenn die Teilnehmer es nicht glauben wollen: Einen Großteil ihrer Parolen bezieht die Pegida-Bewegung aus der Politik.

In den Parolen der Islam- und Ausländerfeinde spiegelt sich der Geist der Ausgrenzung, der auch die Flüchtlings- und Migrationspolitik der vergangenen Monate beherrscht hat. Mehr...

Leitartikel

Die europäische Frage

Der Vorsitzende des  Linksbündnisses Syriza, Alexis Tsipras, gibt seine Stimme ab bei der Wahl in Griechenland am Sonntag.

Nicht eine linke Partei in Griechenland ist das Problem der EU, sondern die soziale Spaltung, die Unzufriedenheit nährt. Und leider auch Populisten, die die Schuld immer bei Fremden suchen. Mehr...

Muslime in Deutschland

Die Heimat der Muslime

Muslime beim Nachmittagsgebet  in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg.

Es gibt in diesem Land eine Vielzahl demokratischer islamischer Initiativen und Organisationen. Es wäre für sie an der Zeit, sich zu einer gemeinsamen Plattform zusammenzuschließen. Der Leitartikel. Mehr...

Papst Franziskus

Den Worten müssen Taten folgen

Papst Franziskus spricht von einer moderneren katholischen Kirche. Doch den Worten des Pontifex müssen auch Taten folgen.

Wenn er die Kirche wirklich verändern will, muss Papst Franziskus seinem Vorstoß zur Familienplanung Taten folgen lassen – und die traditionelle Lehre reformieren. Der Leitartikel der FR beschäftigt sich mit den Nachwirkungen der päpstlichen Worte. Mehr...

Weltwirtschaftsforum in Davos

Sozialstaat muss für Balance sorgen

Auf dem Weltwirtschafsforum in Davos wird zur Zeit auch über das Thema Ungleichheit diskutiert.

Der Graben zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Wenn die Politik nicht eingreift, werden Globalisierung und Digitalisierung die Gegensätze immer weiter verschärfen. Der Leitartikel. Mehr...

Pegida Demonstrationen

Der Freiheit droht der Bankrott

In Dresden durfte am Montag nicht demonstriert werden.

Der Staat sollte nicht alles tun, um die innere Sicherheit zu gewährleisten. Er muss vielmehr alles unterlassen, was im Streben nach dieser Sicherheit die Freiheit seiner Bürger einschränkt. Der Leitartikel. Mehr...

Vorratsdatenspeicherung

Im Reich der Paranoia

Unionsparteien wollen mehr Daten sammeln - obwohl solche Maßnahmen in anderen Ländern Terroranschläge nicht verhindert haben.

Wer damit rechnen muss, überwacht zu werden, verhält sich nicht mehr frei. Deshalb gefährden die Maßnahmen, die jetzt wieder diskutiert werden, die Freiheit und das Gemeinwohl. Der Leitartikel. Mehr...

Krieg im Namen der Religion

Verletzte Gefühle

Von  |
Auch in Mali gab es Proteste gegen die Karikaturen von "Charlie Hebdo".

Die Verletzung religiöser Gefühle fungiert als Brandbeschleuniger bei der Radikalisierung junger Muslime. Dabei geht es kaum um die individuelle Kränkung, sondern um absoluten Hass. Ein Leitartikel. Mehr...

Bildung

Jenseits von Alltagszwängen

Von Frank Olbert |
Die Besetzung des Films "Frau Müller muss weg".

Schule stößt in Bereiche unserer Wirklichkeit vor, die uns sonst verborgen blieben. Diese Erweiterung des Horizonts kann man nicht im Ernst verwerflich finden. Mehr...

Anzeige