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16. Oktober 2011

Leitartikel zu den Occupy-Demonstrationen: Gebildet, arm, protestierend

 Von 
Protest in Frankfurt.  Foto: Getty Images

Einstweilen darf dieser Widerstand vor allem als Zeichen gelesen werden: Der Schaden, den die Krisen des Kapitalismus anrichten, lässt sich nicht mehr verschleiern.

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Einstweilen darf dieser Widerstand vor allem als Zeichen gelesen werden: Der Schaden, den die Krisen des Kapitalismus anrichten, lässt sich nicht mehr verschleiern.

Es bewegt sich etwas. Längst nicht mehr nur in Nordafrika, wo die Aufstände Diktatoren stürzten. Es bewegt sich etwas in Washington, davor in Madrid oder Lissabon und nun sogar bei uns. Zigtausende demonstrierten an diesem Wochenende in Deutschland, vor dem Reichstag in Berlin, vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt und an vielen Orten sonst.
Es waren mehr, als die nur lose organisierten Veranstalter zu hoffen gewagt hatten. Und sie waren in ihrer großen Mehrheit friedlich, auch wenn es in Rom einer kleinen Minderheit gelang, den Erfolg der größten Demonstration zu sabotieren. Aus diesem Wochenende darf geschlossen werden: Den Schaden, den der Finanzkapitalismus in den von ihm dominierten Gesellschaften anrichtet und noch anzurichten droht, werden viele Bürgerinnen und Bürger nicht einfach hinnehmen – weltweit.

Dass das noch nicht mehr war als ein Anfang, ist klar. Kein schlechter allerdings. Deshalb machen sich manche Mitglieder der „Eliten“ – also diejenigen, die in Politik, Wirtschaft und Medien geruhsam alt geworden oder früh gealtert sind – mit ihren Reaktionen ziemlich lächerlich.

Jede Bewegung braucht ihre Findungsphase

Das tun Leute wie der Bostoner Bürgermeister am offensichtlichsten. Er fasste die Illusion, die Welt drehe sich im Grunde weiter wie bisher, nach der Festnahme Dutzender Demonstranten in die schönen Worte: „Ich verstehe, dass sie ein Recht auf freie Meinungsäußerung haben, aber wir müssen hier eine Stadt verwalten.“

Nicht viel besser allerdings ist die Attitüde der altväterlich Verständnisvollen. Einige fragen mit erhobenem Zeigefinger nach dem „Programm“ – und übersehen, dass noch jede gesellschaftliche Bewegung ihre Findungsphase brauchte, bevor sie schöne Heftchen mit fertigen Gesellschaftsentwürfen verteilte (was ihre Schlagkraft auch nicht immer erhöhte). Andere versuchen, den Protest in ihre eigene Welt einzugemeinden, indem sie – wie der Wissenschaftler Claus Leggewie – behaupten: „Das ist der Widerstand einer gebildeten Mittelschicht.“ Vom Bildungsstand, auch von der Herkunft her mag das oft stimmen. Aber ein Mittelschicht-Leben, wie es die jetzt alternde Generation in Deutschland oder den USA kennt, wird nur eine Minderheit der Jungen einmal führen können, wenn es weitergeht wie bisher. Wir haben es mit einer Generation zu tun, die spürt, dass selbst die vielbeschworene Bildung keinen Wohlstand garantiert. Es sind, könnte man in Anlehnung an die „working poor“ des Niedriglohn-Sektors sagen, die „educated poor“ der Zukunft. Der Protest richtet sich gegen die Aussicht, als Generation der „gebildeten Armen“ in die Geschichte einzugehen.

Einstweilen aber darf dieser Widerstand vor allem als Zeichen gelesen werden: Der Schaden, den die Krisen des Kapitalismus anrichten, lässt sich nicht mehr verschleiern. Das Beben der Märkte legt die Potemkinschen Dörfer in Schutt und Asche, die die Bürgermeister und Kanzlerinnen dieser Welt noch immer zu verwalten glauben.

Wer will, kann sich von den Protestierenden genau dafür die Augen öffnen lassen. Wer will, kann sich an der Puerta del Sol in Madrid oder im New Yorker Zuccotti Park erzählen lassen, wie der ökonomische „Fortschritt“ Hoffnungen und Lebenspläne in unerreichbare Utopien verwandelt hat: den Plan, mit Ausbildung und Fleiß einen auskömmlichen Job zu finden und vielleicht eine Familie zu gründen; die Hoffnung, nicht irgendwann wesentlich ärmer alt werden zu müssen als die eigenen Eltern; den Wunsch, sein Leben nicht im Luxus, aber wenigstens in einer eigenen kleinen Wohnung gestalten zu können.


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Vergleiche mit 1968 hinken

Das „Programm“ ist also leicht zu verstehen. Es gleicht eben jenen Versprechen, die die Herrschenden den Jüngeren immer wieder gegeben haben. Sie fordern nicht mehr als das, was in den Programmen praktisch aller Parteien steht: dass die Wirtschaft den Menschen diene und nicht umgekehrt; dass Politik dazu da sei, die Umverteilung des Reichtums zu den schon Reichen zu beenden und nicht zu fördern; dass den Bürgern die Chance eröffnet wird, mit Lust und Fleiß ihr Leben zu gestalten.

Es gibt Vergleiche mit der ebenso internationalen Bewegung des Jahres 1968, aber die hinken schwer. Die 2011er wollen „das System“ nicht stürzen. Sie trauen den westlichen Demokratien, in denen sie groß wurden, offensichtlich noch zu, die Übermacht des Kapitals zu beenden und das Gemeinwohl-Versprechen einzulösen. Sie verlangen Reichen- und Transaktionssteuern und Regeln, die den Wildwuchs der Spekulation begrenzen – nun wirklich keine Revolution. Es fragt sich allerdings, wie lange noch. Die Politik hat nicht mehr viel Zeit, den verbliebenen Vertrauensvorschuss zu rechtfertigen. Wir sollten den Demonstranten vom Wochenende dankbar sein, wenn sie (und möglichst viele andere) dafür sorgen, dass unsere Regierungen das nicht vergessen.

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